Von Sabine Hecke

Kindermord gehört in Brasilien zum Alltag. Im statistischen Durchschnitt werden jeden Tag vier junge Menschen getötet. Am gefährlichsten leben Kinder und Jugendliche in Rio de Janeiro. 1992 wurden in der Stadt am Zuckerhut 424 Jungen und Mädchen unter achtzehn Jahren ermordet, fast doppelt so viele wie 1988. Allein im ersten Halbjahr 1993 waren es 320. Die amtliche Statistik enthüllt nicht einmal den ganzen Schrecken. „Die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit höher“, sagt Cristina Leonardo, Anwältin der unabhängigen brasilianischen Kinderhilfsorganisation Centro Brasileiro, „denn bei den offiziellen Zahlen geht man ausschließlich von den aufgefundenen Leichen aus.“

Nur in jedem fünften Fall leitet die Polizei überhaupt Ermittlungen ein. Der Grund dafür ist, jedenfalls nach Meinung des Sekretariats der Nationalen Straßenkinderbewegung, daß an den Exekutionen überwiegend Polizisten, ehemalige Polizisten und private Wachmänner beteiligt sind. Das Sekretariat hat auch Grund zu der Annahme, daß die Morde vielfach von Hoteliers und Geschäftsleuten in Auftrag gegeben und finanziert werden, da die Straßenkinder angeblich dem Tourismusgeschäft schaden. „Das waren noch viel zuwenig“, ist denn auch die typische Antwort eines Wechselstubenbesitzers an der Copacabana auf die Frage, ob er sich noch an die Kindermorde an der Candeläria-Kirche erinnern könne.

Gleichwohl hat die brutale Exekution des zehnjährigen Paulo Roberto de Oliveira und seiner sieben Freunde vor nun fast genau einem Jahr, am 23. Juli 1993, im Stadtzentrum von Rio Brasiliens Gesellschaft erschüttert. Zum erstenmal forderte die Bevölkerung nach dem Massaker die genaue Untersuchung der Morde und Verurteilung der Täter. Daß dies tatsächlich geschehen würde, daran haben allerdings nur wenige geglaubt. Schließlich hat sich bis heute in Brasilien noch kein Mörder von Straßenkindern vor Gericht verantworten müssen.

So kommt es schon fast einer Sensation gleich, daß dies nun zum erstenmal geschehen soll. Die Richterin Maria Lucia Capiberibe hat in diesen Tagen, aufgrund der vorliegenden Indizien und der Zeugenaussagen, entschieden, daß gegen drei Militärpolizisten und einen Schlosser wegen der Ermordung der acht Kinder und Jugendlichen Anklage erhoben werden soll. Der Prozeß soll im September vor einem Geschworenengericht stattfinden. „Sollte die Jury die Angeklagten für schuldig befinden“, erklärt dazu der zuständige Staatsanwalt Piñeiros, „haben diese Höchststrafen von bis zu 300 Jahren Gefängnis zu erwarten.“

Die brasilianische Presse kommentierte den Beschluß zur Anklageerhebung als „eine mutige Entscheidung“. Erst drei Wochen zuvor war in der Wohnung der Richterin eingebrochen worden, – Zwei Männer und eine Frau bedrohten die zehnjährige Tochter von Maria Lucia Capiberibe und die Hausangestellte der Richterin. Sie suchten gezielt nach einer schwarzen Kiste, in der angeblich die Beweisunterlagen für die Anklageerhebung aufgehoben wurden. Die seit einigen Monaten unter Polizeischutz stehende Juristin ließ sich jedoch weder dadurch noch durch zahlreiche Drohbriefe in ihrer Entscheidung einschüchtern. Jetzt liegt es im Ermessen der Geschworenen, ob die mutmaßlichen Täter zur Verantwortung gezogen werden.

„Niemals werde ich die Gesichter der Mörder meiner Freunde vergessen“, sagt der 22jährige Wagner dos Santos. Er ist einer der Überlebenden des Massakers. In Gegenüberstellungen konnten er und drei weitere Überlebende vier der Täter identifizieren. Aufgrund dieser und weiterer Zeugenaussagen wurden im August vergangenen Jahres die drei Militärpolizisten und der Schlosser verhaftet. Einer der Verhafteten gab bei seiner Festnahme die Beteiligung an dem Verbrechen zu. Später zog er seine Aussage jedoch wieder zurück. Ein weiterer Militärpolizist wurde erst vor wenigen Wochen verhaftet, nachdem bei ihm eine der Tatwaffen gefunden worden war. „Das Alibi des Militärpolizisten Arlindo Lisboa Alfonso Junior ist so fadenscheinig“, sagt Staatsanwalt Piñeiros, daß ich davon ausgehe, daß auch gegen ihn Anklage erhoben wird.“