Von Nikolaus Piper

Neapel

Boris Jelzin trat auf, als habe er schon immer an den exklusiven Weltwirtschaftsgipfeln teilgenommen. Seine Anwesenheit als gleichberechtigter achter Partner war für Helmut Kohl das "überragende Ereignis". Längst vergessen ist der gedemütigte Bittsteller Michail Gorbatschow, der 1991 in London vergeblich an die Tür der Reichen klopfte. Jelzin, durch das Moskauer Kräftemessen mit der national-kommunistischen Staatsduma politisch gestärkt, präsentierte sich am vergangenen Sonntag machtbewußt und selbstsicher, seine Gesprächspartner in Neapels Königspalast lobten die "sehr offene", "freundschaftliche" und "harmonische" Atmosphäre.

Der Gipfel hat sozusagen offiziell das Ende des Kalten Krieges zur Kenntnis genommen. Aus der G-7 ist die "G fast 8" geworden, schrieb eine italienische Zeitung. Welche Folgen allerdings der Beitritt der verarmten Weltmacht für den Club der reichen Industrieländer und für dessen Spielregeln haben wird, läßt sich heute nur ahnen.

Die jährlichen Gipfel gelten gemeinhin als reichlich ineffiziente und geschwätzige Massenauftriebe, die stattfinden, um Politiker ins Fernsehen zu bringen. Das stimmt – einerseits. Andererseits wirken die Gipfel schlicht dadurch, daß die Politiker der Teilnehmerstaaten miteinander reden und, über die Medien, die öffentliche Meinung in den anderen Ländern kennenlernen. Es hat seine Bedeutung, daß es künftig ein russisches Pressezentrum, russische Pressekonferenzen und im Pressezentrum Schreibmaschinen mit kyrillischen Buchstaben geben wird.

Im übrigen gab es auch schon Gipfel, die zu ganz konkreten Ergebnissen führten: Das Treffen von Tokio im vergangenen Jahr etwa gab den entscheidenden Anstoß zum Erfolg der Liberalisierungsgespräche im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) Ende 1993. Möglicherweise wird der Gipfel von Neapel noch weiter gehende Folgen haben. Er könnte, glaubt man Äußerungen von Politikern und Beamten am Rande der Konferenz, eine breite Debatte darüber auslösen, welche Institutionen die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges braucht. Es geht um G-8, also um den durch Rußland erweiterten Kreis der sieben mächtigsten Industrienationen, es geht um den Weltsicherheitsrat, den Internationalen Währungsfonds und die Welthandelsorganisation, um Nato, EU und KSZE. Die meisten dieser Institutionen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg oder während des Ost-West-Konflikts. Jetzt versuchen sie, ihre Verantwortung und Aufgaben neu zu bestimmen.

Der Gipfel von Neapel war einen Tag kürzer als die Treffen in Tokio, München oder London und mit weniger protokollarischem Pomp ausgestattet. Damit näherte er sich wieder dem Charakter der "Kamingespräche", wie sie die Gipfelerfinder Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt 1974 im Sinn hatten. Der informelle Anstrich hob eher noch die Bedeutung der russischen Beteiligung hervor.