Von Matthias Naß

Ein Volk weint um seinen Gott. Vor seinem bronzenen Abbild werfen sich Tag für Tag, Stunde um Stunde Zehntausende klagend zu Boden: Die Trauernden im Zentrum der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang liegen vor ihrem "Großen Führer" im Staub. Noch im Tod soll seine Legende weiterleben. So will es die unbarmherzige Regie eines Staates, an dessen politischem Firmament seit seiner Gründung nur eine Sonne scheinen durfte. Jetzt ist sie erloschen. Am Freitag voriger Woche, um zwei Uhr morgens, ist Kim II Sung gestorben.

Die Nordkoreaner erfuhren von seinem Tod erst 34 Stunden später, als Radio und Fernsehen ihr Programm unterbrachen. Eine halbe Welt entfernt, schlief zu dieser Stunde der amerikanische Präsident Clinton noch. Im Hotel "Vesuvio" am Hafen von Neapel informierten ihn seine Berater morgens um halb sieben Italiens Ministerpräsident Berlusconi, der im selben Hotel logierte, holte zur gleichen Zeit seine Berater zusammen. Englands Außenminister Douglas Hurd griff zum Telephon und rief seinen südkoreanischen Amtskollegen Han Sung Joo an. Der gab Entwarnung: In Korea war alles ruhig.

Der Weltwirtschaftsgipfel hatte plötzlich ein aufregendes Thema bekommen. Denn trotz der beruhigenden Töne aus Seoul: Der Kampf um die Macht in Nordkorea könnte blutig werden. Wie aber wird sich Südkorea verhalten, wenn das Volk im Norden seine Fesseln abzuwerfen versucht? Wird China, dessen Präsident eben erst wiederholte, das Verhältnis zu Pjöngjang sei so eng wie das zwischen "Lippen und Zähnen", und das gute Kontakte zur nordkoreanischen Militärführung pflegt, im Streit um die Erbfolge Partei ergreifen? Wird Amerika, gepeinigt von dem Gedanken, der unberechenbare Sohn Kim II Sungs, der neue "Große Führer" Kim Jong II, verfüge womöglich über Atomwaffen, seine Streitkräfte in der Region verstärken – nicht zuletzt, um die eigenen 35 000 Soldaten in Südkorea zu schützen? Gut möglich, daß die Staatengemeinschaft in Korea ihre gefährlichste Probe nach dem Ende des Kalten Krieges bestehen muß.

Korea könnte schnell alle anderen Spannungsherde, von Bosnien über Ruanda bis Haiti, ans Ende der weltpolitischen Tagungsordnung verdrängen. Wo sonst stoßen die Sicherheitsinteressen von gleich vier Großmächten – China, Japan, Rußland und Amerika – so unmittelbar aufeinander? Wo sonst noch zerreißt der in Europa längst beendete Kalte Krieg eine Nation ideologisch, politisch und militärisch? Die "sehr reale Gefahr nuklearer Proliferation auf der koreanischen Halbinsel ist die größte Bedrohung für die Stabilität der asiatisch-pazifischen Gemeinschaft", schrieb schon vor drei Jahren der damalige amerikanische Außenminister James Baker in der Zeitschrift Foreign Affairs.

Diese Bedrohung ist den Südkoreanern und ihren Nachbarn in den vergangenen Wochen dramatisch deutlich geworden. Kriegsfurcht ging plötzlich wieder um. Dann kam mit der Reise Jimmy Carters nach Pjöngjang plötzlich die unerwartete Wende. Der ehemalige US-Präsident kehrte als Kim II Sungs Friedensbote nach Seoul zurück. Ein Gipfel zwischen Nord und Süd, eine neue Runde im Dialog zwischen Washington und Pjöngjang – "Ich glaube, die Krise ist vorbei", resümierte Jimmy Carter den Erfolg seiner Mission.

Drei Wochen später war Kim II Sung tot. Starb mit ihm auch die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Nuklearkrise? Plötzlich bedauerten selbst die Amerikaner, die den Staatsterroristen bis dahin mit Haß und Häme überzogen hatten, daß der Wunsch, den Kim II Sung Jimmy Carter anvertraut hatte, nicht in Erfüllung gegangen ist: noch "die nächsten zehn Jahre aktiv" zu bleiben.