DIE ZEIT: Zum 50. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler setzt der Streit ein: Wer gehört legitimerweise zum Widerstand? Sind dies nur die Männer vom 20. Juli? Muß man nicht gleichzeitig all derer gedenken, die auf andere Weise versuchten, den Diktator Hitler loszuwerden?

Richard von Weizsäcker: Es ist doch ganz klar, daß man den Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus nicht auf die unmittelbar am 20. Juli 1944 Beteiligten beschränken kann. Der Widerstand – das war keine kohärente Verschwörerbewegung, sondern eine Fülle von einzelnen oder von Gruppen, die vielfach wenig bis nichts voneinander gewußt haben, die weder in ihrer Vorbereitung noch in dem einem erfolgreichen Attentat auf Hitler folgenden Plan für das eigene Land sich abgestimmt hätten oder zur Übereinstimmung fähig gewesen wären.

Dönhoff: Man muß wahrscheinlich einen Unterschied machen, ob man sein Leben einsetzt, um eine Diktatur loszuwerden oder um unter Umständen – wir wissen es ja nicht, aber unter Umständen – wie einige von den Leuten, Ulbricht und Pieck, eine neue Diktatur einzusetzen. Das ist die Schwierigkeit.

Weizsäcker: Es steht ja in der deshalb zur Diskussion gestellten Ausstellung ausdrücklich zu lesen, ab wann, nämlich vor Kriegsbeginn, Ulbricht für die stalinistischen Pläne für alle Weltteile, deren der stalinistische Kommunismus habhaft werden konnte, plädiert hat.

Schmidt: Ich möchte noch einen anderen Aspekt in die Debatte werfen. Wenn vom 20. Juli die Rede ist, dann ist die Rede von aktivem, gewaltsamem Widerstand. Es gab aber auch so etwas wie passiven Widerstand. Ich bin 1937 zur damaligen Wehrmacht eingezogen worden und bin einschließlich Kriegsgefangenschaft bis Herbst 1945 Soldat gewesen. Ich habe überhaupt keinen militärischen Vorgesetzten gehabt, der versucht hat, mir und meinen Kameraden irgendwelche nationalsozialistische Ideologien einzuträufeln. Das heißt, viele Leute haben passiv dem Befehl widerstanden, bestimmte Nazi-Thesen in unsere Köpfe hineinzubringen.

Dönhoff: Ich weiß nicht, ob man das wirklich als Widerstand bezeichnen kann. Denn wenn man Sich fragt, wo das hingeführt hätte ohne die anderen – nirgends hin.

Schmidt: Es hätte nirgendwo hingeführt, aber sie haben jedenfalls den Befehl, den man ihnen gegeben hat, den wiederholten Befehl nicht befolgt.