Von Wolfram Runkel

Die Stimme des Schachkommentators steigert sich auf mindestens 65 Dezibel und 550 Buchstaben pro Minute: "Wooowww! Sehen Sie sich das an, das ist unglaublich! Dieser wilde Springer kracht mitten ins feindliche Lager und greift wie ein Oktopus mit vielen Armen in alle Richtungen, zerrt gleichzeitig an mehreren schwarzen Figuren. Aber kann Nigel Short dieses Tier nicht einfach killen? Nein, er kann nicht, weil dieser Springer gleichzeitig den Weg freigemacht hat für seinen Läufer, der wie ein Laserstrahl übers Brett direkt in die schwarze Königsfestung schießt. Sehen Sie Nigels Gesicht! Er nagt an der Lippe. Sein Haus ist ein Trümmerhaufen. Er baut seinen Turm vor dem beschossenen Bauern auf. Aber da beamt der weiße Läufer ins Zentrum, ändert seine Richtung wie eine Schlange im Wasser und schlägt der Dame ins Gesicht. Die taumelt ins Nirgendwo wie ein angeschlagener Boxer. Jetzt schnappt sich der Oktopus den schwarzen G-Bauern, und schon stürmt der weiße F-Bauer zum Touchdown. Kann Short sich retten? Er hat noch 1 Minute und 22 Sekunden auf seiner Uhr. Aber die Zeit läuft ab. Unglaublich. Bam. Bam. Bam. Das ist der Knockout. It’s all over, Baby Black."

Die Zuschauer in der Special Event Hall im New Yorker Jacob Javits Center springen auf: Sie haben die Ereignisse auf der Bühne und auf drei mal drei Meter großen Bildschirmen gesehen. Sie haben das Gebrüll des Schachreporters aus ihren Kopfhörern vernommen. Sie springen auf, werfen für die Siegerin Judit Polgar Blumen auf die Bühne und jubeln wie bei einem Tor der Fußballweltmeisterschaft.

"It’s fantastic. Ich habe Schach noch nie so spannend, so aufregend erlebt", sagen gleich mehrere Zuschauer, die bisher nur die üblichen Schachturniere kannten.

Gerade sind sie dem Polgar-Geist begegnet: im siebten Spiel der ersten Runde, mit dem sich die Ungarin Judit Polgar für die nächste Runde dieses sensationellen Schachturniers qualifiziert hat. Im Viertelfinale wird die achtzehnjährige Superfrau, die schon mehrere Großmeister k.o. geschlagen hat, nun auf den neuen Jungstar der Szene, den gleichaltrigen Wladimir Kramnik, Nummer vier der Weltrangliste, treffen. Im zweiten Spiel muß sich Weltmeister Garry Kasparow mit Nummer drei der Weltrangliste, Vishwanathan "Vishy" Anand messen. Altmeister Viktor "der Schreckliche" Kortschnoi hat sich für ein Match gegen das Rechengenie Wassily Iwantschuk (Nummer fünf) qualifiziert, während Englands neue Hoffnung Michael Adams es mit dem bosnischen Flüchtling Pedraic Nikolic zu tun hat.

Die Viertelfinalisten spielen jeweils zwei Partien (eine Weiß, eine Schwarz) gegeneinander, bei denen jeder für die gesamte Partie 25 Minuten Bedenkzeit hat. Wenn nicht vorzeitig eine Entscheidung fällt, verliert der, dessen Zeit zuerst abgelaufen ist. Eine Partie dauert also höchstens fünfzig Minuten.

Bei Gleichstand nach zwei Partien entscheidet ein Tie-Break-Blitz. Weiß spielt eine Partie mit sechs Minuten gegen Schwarz mit fünf, wobei Schwarz ein Remis für den Match-Sieg reicht. Die vier Matches dauern also höchstens acht Stunden. Am Tag darauf finden Halbfinale und Finale statt. Schach im Zeitraffer.