Wenn "Frieden schließen" nur heißen soll, einen Krieg ohne Sieger und Besiegte zu beenden, dann schlägt die Stunde für allerlei Vermittler, seriöse wie zwielichtige, schlaue wie naive. Und dies um so mehr, wenn ein weltmachtsüchtiger Tyrann wie Hitler, der 1939 gerade Polen vernichtet hat, noch halbwegs rational zu kalkulieren scheint, um sich für weitere "Blitz"-Erfolge seines "Drangs nach Osten" den Rücken freizuhalten: durch einen "Ausgleich" im Westen, mit Polens bislang tatenlos gebliebenen Verbündeten. Lassen sich diese etwa zu weiterem Stillhalten, wenn nicht Einlenken bewegen, wenn ihnen die "Teilung der Welt" – und der Beute – in Aussicht gestellt wird? Ist Hitler, wenn sich sein Marsch in einen Weltkrieg abbremsen ließe, gar selbst zu Fall zu bringen? Oder ermöglicht schon die Aussicht auf seinen Sturz – durch Opponenten oder Rivalen – auch eine Friedensperspektive ohne die Kosten einer Niederlage?

Dem politischen, geheimdienstlichen und privaten Verwirrspiel, das durch derlei Überlegungen ausgelöst wurde, ist wohl noch kein Autor mit solchem historischen wie detektivischen Forschungseifer nachgegangen wie Ulrich Schlie. Nicht nur ein Anmerkungs- und Quellenapparat von 150 Seiten zeugt davon, auch die sehr detaillierte, auf abwägendes Urteil bedachte, doch stets flüssig geschriebene Darstellung. Dabei weiß Schlie, daß vieles "nur bruchstückhaft aktenkundig" wurde und "ungeklärte Rätsel" bleiben; auch hat dem Historiker (Jahrgang 1965) bei seinen jahrelangen Recherchen nur selten die Ungnade später Geburt Streiche gespielt. So wenn er sich müht, in einer Szenerie, in der ohne Zweifel "der Übergang zwischen Opposition und Regime fließend war", Widerstand und Verrat mit sanft moralischem Unterton auseinanderzuhalten. Wozu freilich auch die oft sehr schillernden Figuren der Handlung verleiten.

Da gab es ehrgeizige, idealistische Einzelgänger, Amateur- und Berufsdiplomaten, Geschäftsleute, Kirchenmänner, die über Skandinavien, Belgien, die Schweiz und den Vatikan Fühler ausstreckten, mit und ohne Auftrag sondierten; selbst Hitlers halbseidener Marschall Göring mischte zeitweilig mit, aber in London hatte man guten Grund, seiner säbelrasselnden Friedensliebe zu mißtrauen. Zu einem Zeitpunkt, als sogar der (noch "nicht kriegführende") Achsenpartner Mussolini seinem Berliner Freund vorsichtig abriet, durch einen Westkrieg "alles aufs Spiel zu setzen", sprach ein selbsternannter Vermittler – Max Egon Prinz von Hohenlohe – mit Hitler selbst und bekam nur "einen Haufen Schwachsinn und unverschleierte Lügen" zu hören, wie er nach London berichten ließ.

Heimliche Regimekritiker verwechselten ihre Wünsche mit Realität. So Franz von Papen, der Botschafter in Ankara, dessen Kontakte mit den Briten wohl mutiger waren, als es bislang schien, und Ernst von Weizsäcker, der Berliner Staatssekretär, der für den Herbst 1939 "einen Regimewechsel" in Aussicht stellte. Der in die Schweiz emigrierte Altreichskanzler Joseph Wirth, dessen Nachlaßpapiere Schlie für sein Thema auswertet, konspirierte emsig in allen Richtungen. Um sein Leben als "saufgewaltiger" Exilpolitiker (so ein britischer Agent) fristen zu können, war er schon seit 1933 festbezahlter Mitarbeiter des französischen Nachrichtendienstes, bot sich aber auch dem Berliner Auswärtigen Amt als Informant an.

Weihnachten 1939 schrieb er hingegen an den britischen Premier Chamberlain, dieser möge der deutschen Opposition ein Signal zum Losschlagen gegen Hitler geben. Mit Hilfe seines Freundes Hans Ritter, eines Exoffiziers und Antimilitaristen, trat er nach der Besetzung Frankreichs in britische Dienste, erregte bald aber auch wieder Mißtrauen in London, als an seiner Seite ein Mann auftauchte, dessen wahre Rolle auch Schlie nicht klären kann: der ehemalige Reichswehrminister Otto Geßler. Ein Mittelsmann der Nazis? Oder der Militäropposition? Der idealistisch-moralischen oder nur der realpolitischen, die den Zweifrontenkrieg vermeiden will? An die angeblich putschbereiten deutschen Generale glaubte man jedenfalls in London nicht mehr.

"Dem Widerstand fehlte der entscheidende Rückhalt im Volk", schreibt Schlie und macht auf eine Tatsache aufmerksam, die oft verdrängt worden ist: "Zu keinem anderen Zeitpunkt konnte sich Hitler in der Bevölkerung einer derart breiten Zustimmung gewiß sein wie unmittelbar nach dem Fall Frankreichs." Eben dies lähmte nicht nur die Opposition, es schädigte auch die Glaubwürdigkeit ihrer Signale. Und es bestärkte Hitler, der bis Mitte Juli 1940 in dieser Frage immerhin gezögert hatte, den Gedanken an einen "Ausgleich" mit England aufzugeben. "Nun galt die Parole, England mit Gewalt zum Frieden zu zwingen", schreibt Schlie durchaus überzeugend. Um so überraschender wirkt es dann, wenn der Autor dennoch Hitler "als die treibende Kraft" hinter dem sensationellen Englandflug von Rudolf Heß am 10. Mai 1941 nachweisen zu können meint.

Gewiß gibt es dafür einige Indizien, die Schlie ausbreitet; vor allem solche, die Hitler als Mitwisser (nicht als Initiator) beim dramatischen Unternehmen seines "Stellvertreters" erscheinen lassen. Über die Rollen, die der Geopolitiker und Widerständler Albrecht Haushofer und auch ein Multiagent namens Kurt Jahnke dabei spielten, kann Schlie Neues mitteilen, doch er selbst erkennt auch, daß das Rätsel Heß "mit letzter Gewißheit wohl nie gelüftet werden kann". Daß Heß die Briten in Hitlers Angriffspläne gegen die Sowjetunion einweihte, ja den Termin nannte, ist allerdings durch jüngste Londoner Aktenpublikationen (die Schlie offenbar noch nicht kannte) widerlegt worden.