Von Rainer Kreuzer

Eigentlich wollte sie in Hamburg nur eine Wohnung suchen. Daß dies nicht einfach werden würde, damit hatte die 22jährige Marlies E.* von der Insel Föhr schon gerechnet. In der teuren Hansestadt wollte sie eine Ausbildung als Erzieherin beginnen, ihre Börse war von daher eng bemessen. Aber dann wurde alles erheblich seltsamer, als sie ahnen konnte.

In einem Hamburger Anzeigenblatt stieß sie Anfang 1993 auf eine Annonce: „Preiswerte Mietwohnungen, schnell und bequem, ohne Makler“, offerierte da eine Firma namens Prowofi, was soviel wie Professionelle Wohnungsfinder heißt. „Am Telephon wollten die gleich einen Termin ausmachen“, berichtet Marlies.

In seinem Büro drückte ihr ein Prowofi-Mann einen Personalbogen in die Hand: Name, Anschrift, Beruf, Einkommen, gesuchte Wohnung und noch mehr hatte sie da anzugeben. „Der redete wie ein Hausierer und ließ mich gar nicht zu Wort kommen“, beschreibt Marlies das Gespräch. Innerhalb von sechs Wochen könne er ihr zu einer passenden Wohnung verhelfen, habe der Wohnungsfinder versichert und ihr Dankesbriefe zufriedener Kunden gezeigt. Er gab an, über das „Know-how“ zu verfügen, mit dem jeder die richtige Wohnung finden könne – wie, wollte er noch nicht sagen. Zunächst mußte die Wohnungssuchende ein Honorar von 977,50 Mark zahlen.

„Das hörte sich alles sehr überzeugend an“, erzählt Marlies. „Ich dachte, da muß doch was dran sein.“ Was wirklich dran ist an Prowofi, das erfuhr Marlies in der „Hauptberatung“, die eine Stunde dauerte. Herr S. formulierte als Wohnungsfinder in dieser Zeit eine Zeitungsanzeige und einen Standardbrief, mit dem sich Marlies auf Chiffreanzeigen bewerben sollte. Das teure Know-how beschränkte sich ihr zufolge darauf, daß ihr der Wohnungsfinder empfahl, ihren Vater als Bürgen zu nennen und einen anderen Beruf anzugeben. Als Draufgabe gab es den Tip, die Chiffreantworten auf teurem, farbigem Papier auszudrucken und in großen Kuverts zu verschicken, damit sie auffielen. „Das ergibt den ‚Wow-Effekt‘, und Sie haben den ersten Bonus gewonnen“, versicherte der „Leitfaden für Wohnungssuchende“, eine Broschüre von Prowofi.

Mit diesem Bündel von Geheimtips, Druckvorlagen und einem Hausaufgabenheft ging Marlies ans Werk. Die Anzeigen, die sie bei der Zeitung natürlich bezahlen mußte, klebte Marlies nach jedem Erscheinen anleitungsgemäß im Arbeitsbuch in die vorgesehenen Kästchen und notierte daneben die Anzahl der Anrufe. Viele kamen da nicht, und sie führten genausowenig zum Erfolg wie die Antwortbriefe und die „Mietgesuchskärtchen“, die Marlies streng nach Prowofi-Plan gut tausendfach in die Hausbriefkästen der Umgebung versenkte.

Ein halbes Jahr später war Marlies ihrer gesuchten Wohnung noch kein Stück näher gekommen. Es folgte die zweite und letzte Beratung, diesmal eine halbe Stunde lang. Danach war Prowofi mit dem Know-how am Ende und bot Marlies an, 300 Mark wegen Erfolglosigkeit zurückzuzahlen. Marlies E. wollte das gesamte Honorar zurück und wandte sich an einen Mieterverein, der Mahnungen schickte. Vor kurzem erhielt sie von Prowofi einen Scheck über 300 Mark. Den Rest müßte sie nun einklagen.