Von Reiner Luyken

Nehmen wir einmal an, Sie wollen aus dem Norden Großbritanniens, also am besten über Manchester, nach Swansea, der südwalisischen Hafenstadt am Bristolkanal. Sie gehören zu der Sorte, die öffentliche Verkehrsmittel tatsächlich auch benutzen, nicht nur darüber reden. Sie nehmen den 13.33-Uhr-Zug von Manchester-Piccadilly via Crewe und Shrewsbury nach Cardiff. In Cardiff müssen Sie umsteigen. Jetzt verspätet sich aber Ihr Zug in Crewe. Sie machen sich Sorgen, Ihren Anschluß zu verpassen. Ein Mitreisender, dem Tonfall nach zu schließen ortsansässig, bemerkt, von Shrewsbury gebe es eine Direktverbindung über die Heart of Wales Line, durch das Herz von Wales.

Tatsächlich, in Shrewsbury wartet auf dem gegenüberliegenden Gleis am selben Bahnsteig ein einsamer Triebwagen. Auf der Bildschirmanzeige steht "Swansea". Sie steigen ein. Der Waggon ist fast leer. Die Sitze zittern von der Vibration des warmlaufenden Dieselmotors. Die Fenster sind mit feinem Ackerstaub bepudert. Sie nehmen Platz.

Wenn Reisen für Sie bedeutet, möglichst umstandslos von A nach B zu gelangen, begehen Sie einen Fehler. Über Cardiff kämen Sie auf jeden Fall um fünf vor sechs in Swansea an. Jetzt steht Ihnen eine über vierstündige Fahrt bevor, bis um zehn nach sieben Eine Fahrt bergauf und bergab mit über dreißig Haltestellen, von denen die meisten mit Llan- beginnende Namen tragen. Llandrindod, Llangadog, Llanwrda, Llandybie, wie ein Zauberreim. Eine Reise über die Heart of Wales – das sind 160 Kilometer Entdeckung der Langsamkeit. Die alten Streckenwärterhäuschen stehen so nah am Gleis, daß man auf den Abendbrottisch sehen kann. Schilder geben dem Zugführer umständliche Anweisungen: "Stop! Schrankenhebel betätigen, auf weißes Licht warten und vor der Weiterfahrt Pfeifsignal geben". Oder: "Stop! Neuer Sektor. Marke für Llandrindod abholen".

Die Marke, der token, ist ein großer Kupferschlüssel, wie aus der Requisitenkammer einer Märchenbühne. Der Triebwagen bleibt unter dem hölzernen Stellwerk von Craven Arms stehen. Der Stellwerkswärter steigt die Treppe herunter und reicht den Schlüssel durch das Seitenfenster herein. Dann legt er die Weiche um. Hinter Craven Arms biegt die Heart of Wales in scharfem Bogen von der Hauptstrecke ab und entschwindet dem normalen Gang der Welt. Der token garantiert, daß immer nur ein Zug unterwegs ist. Auf den nächsten fünfzig Kilometern gibt es keine Ausweichstelle. Bei täglich vier Zügen in jeder Richtung ist die Gefahr eines Zusammenstoßes allerdings ohnehin gering.

Die Fahrt ist eine Reise voll stiller Schönheit. Landschaften wie auf romantischen Genrebildern: Kühe, Hecken, ein mäandernder Fluß, ein Hügel mit einem Wäldchen darauf, dahinter ein schönes Herrenhaus. Irgendwo gibt es sicher auch hier Straßen und mit Eurocash finanzierte "Regionalentwicklung". Durch das Zugfenster sieht man nichts davon. Keine Tankstellen, keine Industrieansiedlung, keine Fremdenverkehrsprojekte. Nur Weiden, Rinder und Schafe, ein grüner Fleckenteppich über erratisch gewölbten Hügeln. Hier und dort ein Heuschober und weißgeschlämmte, rosenberankte, mit Steinziegeln eingedeckte Gehöfte. Auf der anderen Talseite treiben Collies eine Schafherde hügelab, wie Magnetspäne über die grüne Wiese flutende, weiße Punkte. Ein Bussard rollt auf mächtigen Schwingen aus der Bahntrasse. Das Züglein kriecht im Schrittempo an durch hohe Hecken verdeckte Weideübergänge heran. An den Feldtoren stehen kleine Schilder: "Strafe für offenstehende Tore 50 Pfund". Wie die Missetäter wohl gefaßt werden?

Wir haben noch nicht einmal die walisische Grenze erreicht, da kenne ich bereits die Lebensgeschichten der zwei Damen, die, aus Angst, ihren Anschluß zu verpassen und auf den Rat eiines Mitreisenden mit ortsansässigem Tonfall in Shrewsbury den Zug gewechselt hatten, in unseren Waggon gestiegen waren. Die eine, dünnlippig, mit einer durch Halskette gesicherten Dame-Edna-Brille und akkurat gelegter Dauerwelle, Gattin eines Kundenbetreuungsmanagers der British Airways in Edinburgh, ist unterwegs, ihre Tochter in Swansea zu besuchen, wohin diese – zum großen Leidwesen der Mutter – ihrem walisischen Mann gefolgt ist. Die zweite ist Opernliebhaberin aus Maryport, einem gottverlassenen Kleinstädtchen an der Küste von Cumbria.