Ohne Übertreibung, der Universitätsbau im Kölner Stadtteil Lindental ist schäbig. Seine Laborräume sind klein, die Professorenzimmer winzig. Doch was sind schon Äußerlichkeiten, es zählen die inneren Werte. Und was hier im genetischen Institut geforscht wird, genießt Weltruhm. Dies gilt auch für Klaus Rajewsky, einen der Professoren des Instituts, seit kurzem Mitglied der American National Academy of Sciences, eine Ehre, die nur wenigen deutschen Forschern zuteil wird. Nächste Woche erhält Rajewsky den Robert-Pfleger-Preis und 50 000 Mark.

Seine neueste Arbeit, erst vor wenigen Tagen im US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin Science (Band 265, S. 103) erschienen, wird die Entstehung vieler Krankheiten besser verständlich machen. "Das wichtigste an dieser Arbeit ist", sagt Rajewsky, "daß man jetzt neuartige Mausmodelle herstellen kann." Mäuse spielen als Modelle für bestimmte Krankheiten in der medizinischen Forschung eine Hauptrolle. An ihnen läßt sich untersuchen, wie sich ein Defekt im Erbgut auswirkt und was dagegen zu tun ist.

Als Tiermodelle dienen meist sogenannte Knock-out-Mäuse: Mit gentechnischen Methoden werden Erbanlagen "außer Gefecht gesetzt". Eine recht brachiale Methode allerdings, die bislang nur in einigen Fällen, wie beim Diabetes und dem Muskelschwund, zum Ziel führte. Denn die Mäuse sind durch den Genverlust oft so schwer geschädigt, daß sie schon früh sterben. Rajewsky und sein Mitarbeiter Hua Gu haben als erste gezeigt, wie man die Gene nur in bestimmten Zellen gezielt ausschalten kann – womit sich Krankheiten des Menschen simulieren lassen, bei denen ein Gendefekt erst mit der Zeit zum Tragen kommt und nur in bestimmten Geweben auftritt. So ist etwa bei der Chorea Huntington (Veitstanz) völlig unklar, warum der Fehler im Erbgut erst nach Jahren seine verheerende Wirkung entfaltet.

Ermöglicht wird die gezielte Manipulation durch einen einfachen Trick. Rajewsky und Gu packten die beiden Informationen – welches Gen ausgeschaltet werden und in welchen Zellen dies passieren soll – nicht in eine einzige Maus, sondern in zwei. Bei dem einen Mausstamm wurde das fragliche Gen nur "markiert". Der andere Mausstamm erhielt die Information zum Bau eines Enzyms, das eine solchermaßen markierte Gensequenz herausschneidet und das dank eines speziellen "Promotor"-Gens nur in bestimmten Zellen gebildet wird. Die Tiere beider Stämme sind völlig gesund, da den einen das Schneideenzym fehlt und den anderen die Markierungen, ohne die das Enzym wirkungslos bleibt. Kreuzen die Wissenschaftler jedoch die beiden Stämme, so tragen einige Nachkommen sowohl die Markierungen als auch das Enzym-Gen, das nun den markierten Genabschnitt entfernen kann.

Die Methode ist nicht auf Rajewskys Fallbeispiel beschränkt, wo es um die Bedeutung eines Moleküls in bestimmten Immunzellen geht. Der Trick sollte vielmehr "die Inaktivierung jeden beliebigen Gens in jedem beliebigen Gewebe in jedem beliebigen Entwicklungsstadium erlauben", heißt es in dem Science-Artikel.

Nun arbeiten die Kölner Forscher an einer Möglichkeit, das Enzym von außen aktivieren zu können, anstatt es wie bisher intern von dem Entwicklungsstand der Zellen anschalten zu lassen. Das würde die Entwicklung von Tiermodellen erneut einen großen Schritt voranbringen, meint Rajewsky: "Man hat keine kranken Tiere, sondern gesunde. Und nur wenn man eine Frage klären will, wird ein Gen stillgelegt. Das ist gar nicht mehr so weit weg." Christian Weymayr