Binnen weniger Wochen dürfte sich die Zahl der Verbrecher in Frankreich verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen. Überquellende Haftanstalten, entnervte Polizisten – düstere Szenarien werden gemalt. Denn nun tritt das sogenannte „Toubon-Gesetz“ in Kraft. Der Feldzug des gaullistischen Kulturministers Jacques Toubon kann beginnen.

Französisch soll fortan von ausländischem Vokabular befreit werden, und zwar unter Androhung von Bußen bis zu 50 000 Francs (15 000 Mark) oder sechs Monaten Haft. Werbung, Wissenschaftskongresse, Stellenanzeigen, Fernsehsendungen, Gebrauchsanweisungen – alles ist nunmehr im Visier. Cocktail, Chips und Compact Disc werden (als Wörter) verboten. Eine Sciencefiction-Story, pardon!, ein „roman d’anticipation“? Mitnichten. Toubon ist es ernst; er will die „Sprache der Freiheit“ verteidigen gegen das niedere „Händler-Englisch“. Seine Befürchtungen sind um so größer, als selbst in der Europäischen Union mit der geplanten Norderweiterung Französisch immer mehr zur Randsprache wird. Allein auf weiter Flur steht der eifrige Minister keineswegs: Von rechten Traditionalisten bis hin zu linken Gegnern des amerikanischen Imperialismus erhält er Beifall.

Gerade Franzosen, die sich beruflich mit der Sprache befassen, Journalisten, Schriftsteller, Werber und Wissenschaftler, sind freilich wenig begeistert. Claude Hagége vom traditionsreichen College de France (siehe das Interview), einer der einflußreichsten Linguisten im Lande und Verfasser der Grundlagenwerke „L’Homme des paroles“ und „Le Français et les siècles“, meint freilich, das umstrittene Gesetz werde wenig verändern. Der Akademiker, der von sich behauptet, „ich bin in alle Sprachen rasend verliebt“, nimmt die Neuerung gelassen hin.

Und mit ihm viele Franzosen. Ein Gesetz ist für sie zunächst einmal ein Stück bedrucktes Papier. Müßten nicht auch Frankreichs Wirte seit mehr als einem Jahr abgetrennte Nichtraucherräume anbieten? Statt dessen verkünden nun in vielen Lokalen Schilder: „Dies ist ein Restaurant für Raucher. Nichtraucher herzlich willkommen!“

FG

ZEIT: Springen Sie vor Wut an die Decke, wenn Ihre Landsleute Wörter wie „Shuttle“, „Marketing“ oder „Software“ verwenden?

Hagège: Ich bin kein Französischlehrer. Als Sprachwissenschaftler zeigt es mir die Durchdringung des Französischen mit englischen Ausdrücken – von der Alltags- über die Medien- bis hin zur Wissenschaftssprache. Als Bürger Hagège ärgert es mich hingegen.