Das Ludwig-Forum für Internationale Kunst in Aachen ist fürs erste die letzte Station einer Ausstellung, die staunen macht über etwas, das bisher so gut wie unbekannt geblieben war. Es ist nicht einmal denjenigen, die in und mit diesen Bauten leben, als etwas Eigenartiges ins Bewußtsein gedrungen. Man wird damit bekannt gemacht, daß es neben den allbekannten Hauptstädten der modernen Architektur, leben Berlin und Rotterdam, Frankfurt an Main, Amsterdam, Magdeburg oder Dessau und, nicht zu vergessen, Brünn, auch diese Provinz der Moderne gibt: Tel Aviv.

Daß das Neue Bauen sich ausgerechnet in Israel ein Jahrzehnt lang so überraschend konsequent und so vielseitig hatte entwickeln können, hat eine alte böse Erklärung: In Osteuropa verachtet, unterdrückt, verstoßen und mißhandelt, von Hitler und seinen Verbrechern mit dem Tode bedroht, blieb vielen jüdischen Architekten nur der eine, mit Hoffnungen; bekränzte Ausweg: ins damals britische Mandatsgebiet Palästina. So entstand hier, in Tel Aviv, "das größte städtische; Ensemble moderner Architektur" in den dreißiger Jahren. So liest man es in dem im Ernst-Wasmuth-Verlag in Tübingen erschienenen, hervorragend gestalteten Katalog. Wer hatte es gewußt?

Also gingen der Aachener Photographin Irmel Kamp-Bandau die Augen auf, als sie 1987 dorthin kam und sah, was keiner mehr bemerkte. Sie ging ihrer überraschenden Entdeckung nach, forschte, verbündete sich mit der Münchner TU, bekam Unterstützung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und photographierte. Sie fand über achthundert Gebäude und die Namen ihrer zweihundert Architekten. Das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen wählte etwa hundert davon aus, versammelte sie in dieser Ausstellung und ließ sie kenntnisreich kommentieren.

Alles ist erstaunlich: der Reichtum der praktizierten Moderne, aber auch die ihr von flüchtigen Beobachtern abgesprochene Vielfalt der Erscheinungen, die der Stilwille hervorgebracht hat, vor allem aber die Homogenität des Stadtbildes, die damit befördert worden ist. In Europa, wo die Moderne erfunden und propagiert worden ist, findet man sie fast nur in Einzelbauten oder Siedlungen – hier in Tel Aviv prägen sie die urbane Stadt. Man muß nicht betonen, daß Züge des Verfalls viele dieser Gebäude ramponierten und daß es einen großen Aufwand verlangt, den Schatz zu bewahren. Uns bleibt zunächst nur der Blick dieser Photographin – ein Glück, daß es der ihre ist, der uns mit diesem Zeugnis der Architekturgeschichte in unserem Jahrhundert, unserer ferneren Gegenwart bekanntmacht. Es ist wahrlich eine Entdeckung. (Bis 7. August; Katalog 44 Mark) Manfred Sack