Von Dieter E. Zimmer

Es geht um eine Menge, vor allem aber um zwei Grundstücke – nicht irgendwelche, sondern zwei der edelsten der ganzen Republik. Wertvoll sind sie nicht nur, weil sie mitten in der teuersten Mitte Berlins liegen, dort, wo die Friedrichstraße die Spree kreuzt Wertvoll sind sie auch aus einem, immaterielleren Grund: Sie sind – Schicht um Schicht – befrachtet mit Tiergeschichte.

Auf dem einen stand zuletzt der alte Friedrichstadtpalast. Auf dem anderen, nur ein paar hundert Meter entfernt, steht noch immer eins der traditionsreichsten und schönsten Theater der Welt, das Deutsche Theater. Im Jahrzehnt vor 1900 und in den drei Jahrzehnten danach wurde hier so glanzvolle Theatergeschichte geschrieben, daß sogar die Nazis und dann die Kommunisten ihm Respekt erweisen mußten. Heute, nach der Schließung des Schiller-Theaters, ist es Berlins einzige Staatsbühne, und es ist mehr, etwas selten Gewordenes: ein über die Zeitbrüche hin intakt gebliebenes Ensembletheater von höchstem Niveau.

Beide Grundstücke haben gemeinsam, daß sie einst dem großen Theatermann Max Reinhardt gehörten – und daß dessen Erben sie nach der Wende zurückforderten. Und auf eine schwer verständliche Art bedroht, was auf dem einen Grundstück gebaut werden soll, das, was auf dem anderen Grundstück steht: das Deutsche Theater. Das Bemühen, etwas von dem Max Reinhardt geschehenen Unrecht zu korrigieren, könnte paradoxerweise ausgerechnet sein lebendigstes Erbe erdrosseln.

Es ist ein Fall aus unserm Restitutionsalltag, in dem ständig die Gefahr besteht, daß sich dort, wo ein historisches Unrecht recht und schlecht repariert wird, ein neues, ganz anderes einstellt: ein prominenter und besonders komplizierter Fall, in dem Kunst und Kommerz, Moral und Politik (aktuelle und zu Geschichte geronnene) ineinander verschlungen sind.

Wer ihn durchschauen will, muß sich zunächst vergegenwärtigen, wer Max Reinhardt war.

Er ist natürlich eine der Sagengestalten der Kunst dieses Jahrhunderts, aber seine Kunst war eine ephemere. Mit eigenen Augen kann sich seit langem niemand mehr davon überzeugen, was eine Reinhardt-Inszenierung war; auch seinen einzigen Film, einen amerikanischen „Sommernachtstraum“ von 1935, gibt es nirgends mehr zu sehen. Aber die Theatergeschichte hat festgehalten, worin der vergängliche Zauber seiner Inszenierungen bestand.