Max Reinhardt hat in Berlin das moderne Regietheater wenn nicht erfunden, dann zumindest durchgesetzt: ein Theater, in dem Regie viel mehr ist als eine Anleitung zur gefälligen Dramenrezitation. Er hat die Schauspieler von den starren Charakterfächern befreit, in die jeder gesperrt war. Er hat das Ensemble als eine Art Kunstwerk betrachtet und behandelt. Er hat die flachen gemalten Prospekte abgeschafft, in denen Schauspieler Texte deklamierten, dreidimensionale Bühnenbauten, den Rundhorizont und alle damaligen Novitäten der Theatermaschinerie eingeführt, um Licht, Bewegung, Himmel, Natur auf die Bühne zu holen. Er hat Schriftsteller, Komponisten und Künstler herangezogen (Corinth etwa und Humperdinck).

Theater als Totalkunstwerk – Hugo von Hofmannsthal, der mehrfach mit ihm zusammenarbeitete, traf wohl den Kern des Reinhardtschen Theaterzaubers: „Reinhardts Stärke ist dieses: er erfaßt mit der tiefsten Seele die fließende Bewegung, die jedem Drama innewohnt, und hat einen genialen Instinkt für die inneren Veränderungen in dieser Bewegung, die man dem Zuschauer fühlbar machen muß, um ihn durch einen rhythmischen Zauber in eine Art trance zu bringen... Reinhardt ist der vollkommene Visionär der Bühne; und er weiß, daß es in einem Traum oder einer Vision nichts Gleichgiltiges und Nebensächliches gibt; dies ist die große Stärke seiner Inszenierungen: nichts, auch nicht das Geringste, ist in ihnen mit geringerer Aufmerksamkeit und mit einem geringeren Aufwand von Phantasie und Kraft behandelt, als womit andere Regisseure das behandeln, was sie für die Hauptsache halten“ (1918).

Wenige wissen, daß Max Reinhardt jedoch nicht nur Regisseur war, sondern auch Unternehmer: Seine Theater waren Privattheater, die vom Staat nie einen Pfennig Subvention erhielten; staatlich subventioniert wurden im so reich mit Sprechtheatern bestückten Berlin der zwanziger Jahre überhaupt nur das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und das Schiller-Theater. Reinhardt war auch nicht einfach nur Unternehmer, sondern was damals ganz selbstverständlich Konzernherr hieß – nicht weniger als der Herr des größten, international operierenden Theaterkonzerns seiner Tage. Er begründete die Salzburger Festspiele neu, hatte in Wien über die Jahre hin mit insgesamt neun Theatern zu tun, vor allem dem Theater in der Josefstadt, und bespielte in Berlin zwischen 1902 und 1933 insgesamt dreizehn Theater, die meisten allerdings nur für kürzere Zeit.

Diejenigen aber, die von Reinhardts Unternehmertätigkeit läuten gehört haben, ziehen daraus gern einen voreiligen Schluß. Nämlich den: es gehe also doch – Kunst und Kommerz ließen sich sehr wohl vereinbaren, Privattheater ohne künstlerische Kompromisse führen, es müsse einer nur das nötige Format haben, Reinhardtsches Format eben. Wer weiß, daß Reinhardt zwar keine staatlichen Zuwendungen erhielt, aber die ganze Zeit auf die Freigebigkeit diskreter privater Geldgeber angewiesen war, triumphiert vielleicht noch mehr: Sponsoren muß einer eben auf tun können!

Natürlich muß heute noch lange nicht gehen, was damals ging. Aber auch damals ging es eigentlich nicht, wie sich zeigen wird. Aus der Geschäftsgeschichte Max Reinhardts läßt sich kein Plädoyer fürs Privattheater ableiten. Eher beweist sie das genaue Gegenteil.

Reinhardt selber sah es so: Schon um 1925 äußerte er, ein Ensemble- und Repertoiretheater sei ohne staatliche Beihilfen eigentlich nicht mehr möglich. Und als er 1932 in einer tiefen Krise seines Konzerns die Direktion des Deutschen Theaters an andere übergab, sagte er der Belegschaft: „Mein Abschied hat mit der äußeren Konjunktur überhaupt sehr wenig zu tun. Mein Entschluß wurzelt vielmehr in einer tiefen und mehr und mehr unüberwindlich gewordenen Abneigung gegen das Unternehmertum“; nach dem Tod seines Bruders sei ihm die „Last vollends unerträglich“ geworden.

Max Reinhardt war nämlich gar nicht jenes Weltwunder, ein Genie als Künstler und als Kaufmann. Der Kaufmann war sein zwei Jahre jüngerer Bruder Edmund, der das Finanzielle für ihn erledigte. Einer ihrer langjährigen Mitarbeiter, Heinz Herald, erinnerte sich: „Edmund Reinhardt war ein Kaufmann, aber kein Kaufmann mit engem Horizont... [Er] verkehrte mit kunstliebenden und millionenschweren Bankiers, Großkaufleuten, Industriellen und Verlegern wie mit seinesgleichen... Diese Geldleute vertrauten ihm und gaben ihm die Mittel für immer neue Bauten und neue Expansionen. Max Reinhardt war ein Verschwender im Leben und auf der Bühne. Edmund Reinhardt war ein Einsparer mit Gefühl und mit Achtung für die Kunst. Ohne seinen Bruder hätte Max Reinhardt nicht sein großes Theaterreich aufbauen können.“