Gleichzeitig mußte das Große Schauspielhaus schließen. Die Pächter gingen in Konkurs; außerdem hatte es bestellte Proteste gegen Paul Abrahams Operette „Ball im Savoy“ gegeben.

Den 1. Mai machten die Nazis zum Feiertag, dem „Tag der Arbeit“. Auf dem Tempelhofer Feld wurde mit Aufmärschen gefeiert. Am Tag darauf besetzten SA und SS Büros des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er wurde zerschlagen. Es dauerte einige Monate, bis sich Robert Leys Deutsche Arbeitsfront als seine Nachfolgerin etablierte. Als sie es geschafft hatte, übernahm sie auch jene Bank, bei der Reinhardts Theater am höchsten verschuldet waren, die Arbeiterbank.

Aber noch wußten die Nazis offenbar nicht, wie sie mit Reinhardt verfahren sollten. Irgendwie scheinen sie mit der Idee gespielt zu haben, ihn für sich zu gewinnen. Denn im Sommer 1933 schickte Goebbels den Reinhardt-Schauspieler Werner Krauss, nachmals Judenkarikaturist vom Dienst, nach Leopoldskron, um Reinhardt den „Ehrenarier“ anzubieten. Der lehnte ab.

Etwa gleichzeitig tat er etwas, was den Nazis jeden Gedanken an seine eventuelle Kollaboration ausgetrieben haben muß. Aus Oxford schickte er im Juni 1933 einen langen Brief an vier deutsche Regierungsstellen. Es ist ein nobles und ergreifendes Dokument, in dem er mit stolzer Bescheidenheit resümiert, was er für das deutsche Theater geleistet hat. Er bekennt sich zu seinem Judentum, aber auch zu seinem Deutschtum („... da ich dem deutschen Wesen, dem ich mit augenblicklich verschmähter, trotzdem unerschütterlicher Liebe anhänge, Wahrheit, Bekennertum und Treue eingeboren weiß ...“): ein deutscher Patriot jüdischer Herkunft. Daß es auch ein naives Dokument ist, spricht nicht gegen seinen Absender, sondern gegen seine Empfänger, die nie darauf antworteten: Reinhardt ging fälschlich davon aus, daß sich mit ihnen wie mit zivilisierten Menschen reden ließe; und daß er ihnen zum Geschenk machen könnte, was sich ungeniert zu nehmen längst in ihrer Macht stand. Denn das war die Essenz des Briefes: Er überließ seinen Theaterbesitz ausdrücklich dem deutschen Staat, da es „in Zukunft bestimmt nicht mehr möglich sein [wird], ohne staatliche Sicherstellung ein künstlerisches Unternehmen zu führen“. (Gottfried Reinhardt sagt, der Brief sei anders gemeint gewesen, ja womöglich eine Fälschung, da sich nie ein Original gefunden habe; im Berlin Document Center aber gibt es zwei Originale, mit Eingangsstempel!)

Das Tischtuch war zerschnitten, und im Frühjahr 1934 muß die NS-Regierung beschlossen haben, den bisherigen Schwebezustand zu beenden: weit weg ein nunmehr unerwünschter Eigentümer, hier ein Haufen seiner ungeduldigen Gläubiger – und keine sichere Basis für die beiden Theater.

Schon am 18. Januar 1934 war überstürzt das Große Schauspielhaus als „Theater des Volkes“ wiedereröffnet worden. Am 31. März erwarb die Gläubigerbank die Aktienmehrheit der DNT. So konnte nun dem Theater des Volkes im Mai die vertragliche Grundlage nachgereicht werden: Reichspropagandaministerium und Arbeitsfront kamen überein, es gemeinsam zu betreiben. Die Arbeitsfront durfte (über ihre Unterorganisation Kraft durch Freude, KdF) als „Organisator des Besuches“ fungieren; Goebbels dagegen „sichert(e) durch seine Einflußnahme auf den Spielplan das Gesicht des Theaters“, das „den Kunstinteressen der schaffenden Volksgenossen“ dienen sollte.

Den Einfluß gab es, bis hin zu der Frage, ob Frau Krauß oder Frau Strauch in der fünfzigsten Vorstellung einer Operette singen sollte; mit dem Gesicht war es nicht weit her. Den Anfang machten noch Schillers „Räuber“. Aber da die schaffenden Volksgenossen anderes nicht sehen mochten, wurde dieses „Geschenk des neuen Staates an das Volk“, dem Poelzigs Stalaktiten ausgeschlagen wurden, sehr bald zu einem reinen Operettenhaus, in das KdF allabendlich die Volksmassen pumpte, 50 Pfennig die Karte, 60 „mit Musik“; und im Innern eine Tummelstätte für Karrieristen, Intriganten und Denunzianten, deren kleine Schandtaten man in den Akten genauestens nachlesen kann. Subventioniert wurde es nunmehr mit rund 1,2 Millionen Mark pro Spielzeit, in die sich Propagandaminister und Arbeitsfront unter ständigem Gezänk teilten. Eigentümer war und blieb die DNT, und die gehörte inzwischen mittelbar der Arbeitsfront.