Wahlen stehen bevor, und meine Gedanken schweifen zurück. Zurück ins Jahr 1980, als der Zeitgeist zwei Freunde und mich dazu ausersehen hatte, einen Keim zu pflanzen, aus welchem zwei Jahre später ein Obst entspringen sollte, das allem Volke – aber der Reihe nach.

Wir schreiben das Jahr 1980. Wahlen stehen bevor, doch die Gedanken der drei Titanic-Autoren, die unter toskanischer Sonne an einem Beitrag für die Augustnummer der endgültigen Satirezeitschrift brüten, schweifen zurück. Helmut Schmidt tritt gegen F.J. Strauß an – Anlaß für Bernd Eilert, Peter Knorr und mich, den Kanzler in einem offenen Brief daran zu erinnern, daß es bei den vergangenen zehn Jahren SPD-Herrschaft nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann: Eine problemscheue CDU, behaupten wir, habe die Genossenpartei absichtlich an die Macht kommen lassen, um anstehende Drecksarbeit zu erledigen, die Nachrüstung, die Disziplinierung der Jugend durch Berufsverbote, den Ausbau der Kernenergie; und um ja nicht selber regieren zu müssen, habe die CDU der SPD immer abwegigere Kandidaten entgegengestellt, Zitat 1980: „Erst einen Möchtegern-Romancier aus Paderborn, dann einen birnenförmigen Pfälzer Provinz-Generalisten und schließlich einen Bayern.“

Beim Bayern lagen wir richtig, den packte Schmidt; zwei Jahre später aber saß bereits der „birnenförmige Pfälzer“ auf dem Kanzlerstuhl – die Realität hatte den Satiriker mal wieder Lügen gestraft, um ihn zugleich zum Werkzeug und Zeugen eines Vorgangs zu machen, den derart hautnah zu erleben nur wenigen Männern der Feder beschieden ist: Ich meine die Transformation eines eher beiläufig hingeschriebenen Wortes in zumindest zeitweiligen Volksmund. Die Rede ist natürlich von „Birne“, doch soll es noch anderthalb Jahre dauern, bis aus dem auf Titanic-Seiten immer häufiger verwandten Adjektiv – „der birnenförmige Humorist“, „der birnenförmige Mann“ – die substantivierte „Birne“ schlüpft: Im Februarheft des Jahres 1982 erfreuen Hans Traxler und Peter Knorr die Leser erstmals mit „Birnes Abenteuern“, auf dem Novemberheft des gleichen Jahres fordert das von Waechter collagierte Titelblatt: „Birne muß Kanzler bleiben!“ – die Folgen sind bekannt. Diesmal behielten die Satiriker zwar recht, jedoch nicht das letzte Wort: „Birne“ ist Kanzler geblieben, bis heute, aber Kohl blieb nicht „Birne“. Heute nennt ihn niemand mehr so, heute lebt die politisch besetzte Birne lediglich in jenen Graphiken weiter, die allwöchentlich anzeigen, daß sich da mal wieder jemand Gedanken über die schreckliche, die schöne Kohl-Zeit macht. Wie konnte das passieren? Wie ein Wort, das in aller Munde war, aus aller Munde verschwinden?

Bei den 83er-Wahlen war die Satiriker-Welt noch in Ordnung. Da zählte Kohl den „Spitznamen Birne“ in einem Interview mit der Bild-Zeitung noch unter „die schlechten Witze“, die ein Spitzenpolitiker „ertragen müsse“, da ließ noch das Titanic-März- und Wahltitelblatt einen älteren Herrn in eine Birne beißen: „Nun hat der mündige Bürger das Wort“, da wollten die „Birne“-Witze im Volke und „Birne“-Nennungen in den Medien kein Ende nehmen.

Die 87er-Wahl aber brachte die Tendenzwende. Da warb die Junge Union mit dem Button „I like Birne“, da posierte Kohl persönlich auf einer doppelseitigen Spiegel- Wahlkampfanzeige als Birne-Beißer, und diese totale Vereinnahmung der „Birne“ durch sie selber konnte die Frucht naturgemäß nicht überleben: Kohl hat „Birne“ ausgesessen und aufgegessen – aber ob er dessen froh werden wird? War es nicht ein unverdientes Glück gewesen, daß ein Volk seinen Kanzler, der mit einem negativ besetzten Gemüsenamen geschlagen war – „Kohl reden“ –, mit einem Qualitätsobst-Spitznamen belegt hatte?

Als Kohl 1990 wahlkampfhalber die Beitrittsgebiete bereiste, wurde er noch einmal, das letzte Mal, auf Transparenten in aller Unschuld und Herzlichkeit als „Birne“ begrüßt, doch diese kulturelle Verspätung dürfte mittlerweile auch im hintersten Mecklenburg-Vorpommern aufgeholt sein: Erstmals bestreitet Kanzler Kohl einen Wahlkampf ohne jeden „Birne“-Bonus. Ob ihn das endlich reif für den längst fälligen Fall macht?

Robert Gernhardt, Jahrgang 1937, ist Schriftsteller und Zeichner und lebt in Frankfurt am Main