Von Viola Roggenkamp

Und? Haben Sie seine bekommen?" Maximilian Schell sieht auf. Die runden braunen Augen werden noch etwas runder. Das schmale Gesicht mit dem grauen Bart wirkt eingefallen. Es ist die erste Frage, die ich ihm stelle. Wir sitzen kaum eine halbe Minute voreinander, und er weiß sofort, was gemeint ist: die Theatergarderobe von Gustaf Gründgens. Denn Schell gastiert seit zehn Tagen in Hamburg an der Kirchenallee, wo der von ihm verehrte Gründgens sieben Jahre Intendant war. "Nein, leider nein", sagt er langsam, die Stimme abgedunkelt und etwas rauh. Bevor daraus eine Niederlage werden kann, fügt er rasch hinzu: "Sie ist verbaut. Wie eingemauert."

Das hat etwas. Etwas vom Grab des Pharaos, in das nicht einmal Maximilian Schell eindringen darf. Der Pharao vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, Gustaf Gründgens, hatte mit ihm 1963 Shakespeares "Hamlet" gemacht. Jetzt ist er wieder da. Maximilian Schell als Professor Higgins im Musical "My Fair Lady". Auf derselben Bühne wie damals, vor 31 Jahren. Er gehört zu den Künstlern, die fast jedermann kennt. Es kann nur niemand auf Anhieb sagen, warum. Er hat in bemerkenswerten Filmen mitgespielt und selbst bemerkenswerte Arbeit als Regisseur geleistet. Sein heute bekanntester Film ist die vor zehn Jahren entstandene Dokumentation über Marlene Dietrich. Warum ließ sie ihn vor? Das weiß er nicht. "Sie hat zwei Jahre hinter mir hertelephoniert."

Für seine Rolle in dem amerikanischen Spielfilm "Das Urteil von Nürnberg" bekam Schell 1961 den Oscar. Regisseur Stanley Kramer hatte den ausgezeichnet Englisch sprechenden deutschen Schauspieler mit dem Gesichtsausdruck des ewig jugendlichen Helden als Verteidiger der angeklagten Nazis besetzt. Ein kluger Einfall. "Im Ausland bin ich der beste Verteidiger Deutschlands." Obwohl er in Wien geboren wurde und in der Schweiz aufwuchs, lebt er in Amerika als der Deutsche.

Überall in der Stadt klebt sein Bild an Litfaßsäulen und Bauzäunen. Tournee-Start war in Wien, jetzt Hamburg bis Anfang August, und schließlich wird er mit "My Fair Lady" im Berliner Metropol-Theater bis Anfang September gastieren. "Nach dem Plakat hätte ich ihn gar nicht wiedererkannt", sagt die Photographin leise zu mir. Kein Wunder. Auch als Professor Higgins sieht er immer noch aus wie Hamlet. Jedenfalls auf den Plakaten.

Wie kam es eigentlich, daß Gründgens ihn wollte? Es kam gar nicht. Schell hatte ihm geschrieben und sich angeboten; dem großen Regisseur Gustaf Gründgens, der wie in der NS-Zeit so auch danach die deutsche Theaterlandschaft tonangebend prägte und beherrschte. Gefeiert, umjubelt und verehrt, vor 1945 wie danach.

Wenn einer um die Faszination des Rampenlichts und um die Dynamik der Effekte wußte, dann Gründgens. Der Bruder von Maria Schell als Hamlet? Auch das hatte etwas. Während draußen in der Welt Marilyn Monroe seit den fünfziger Jahren das Frauenideal erotisch wie liebenswert verkörperte, war auf deutschen Leinwänden und Illustrierten Maria Schell nahezu wöchentlich als das personifizierte Lächeln unter Tränen zu sehen. Gründgens hatte sich auch diesmal nicht verrechnet. Das Publikum strömte ins Theater und wieder hinaus, viele mit der gewonnenen Überzeugung: "Och, war doch ganz gut, ging doch eigentlich." Keine Sensation, aber eine schöne Darstellung.