Von Robert Leicht

Wer oder was ist Rudolf Scharping? Noch gibt es kein zu einem Klischee geronnenes Image, an. dem sich die Meinungen ausrichten und polarisieren können. Was er sagt, klingt häufig vernünftig – aber gerade deshalb scheint es kaum jemanden zu faszinieren. Ihn nicht zu unterschätzen, diese Mahnung hört man noch am ehesten von Ministerpräsidenten der CDU, während es zumeist die sozialdemokratischen Parteifreunde sind, die auf das zündende Wort, die grundstürzende Tat warten.

Derweil gleicht Scharpings Kandidatur einer Achterbahn: vom demoskopisch überzeichneten Stimmungshoch um die Jahreswende in das ebenso überzeichnete Tief nach der Europawahl, erst das Freudenfeuer nach der würzigen Rede auf dem Parteitag in Halle, dann das Sperrfeuer gegen den rotgrünen Versuch einer Minderheitsregierung in Magdeburg – alles Turbulenzen, die auch ein stabiles Gemüt erschüttern müßten.

Doch falls Rudolf Scharping unter dem Druck dieser Wechselfälle Wirkung zeigen sollte: Anzumerken ist es ihm nicht. Sei es nun Dickköpfigkeit oder Dickfelligkeit, Seelenruhe oder Selbstsicherheit, schlichter Dilletantismus oder pfiffige Professionalität – sein Verhalten erinnert an die Wahlparole des französischen Prätendenten François Mitterrand aus dem Jahr 1981: La force tranquille – Die Kraft der Ruhe. Die Irritation über die etwas dröge wirkende Distanz und der Respekt vor diesem Verzicht auf selbstzweckhaftes Gerede halten einander die Waage. Diese Kraft zum Abstand zu sich selbst wie zum Gegenüber, die fast verstörende Bereitschaft, eine Unterhaltung ungerührt im Schweigen versickern zu lassen, hat man ähnlich zuletzt bei Willy Brandt erlebt.

Die Kraft der Ruhe: Rudolf Scharping sitzt da wie ein Angler, der weiß, daß man warten können muß. Jedenfalls bringt es nichts ein, wenn man dauernd mit der Angel im Wasser fummelt. Auch wenn das Publikum und die Partei fortwährend nach aufregender Aktion verlangen. (Übrigens: Willy Brandt gab früher Angeln als sein Hobby an.) Scharping setzt kaltblütig auf den richtigen Zeitpunkt. Nur daß es schwerfällt, sich schon jetzt ein Urteil zu bilden: Kommt dann wirklich etwas – oder doch nichts.

Scharping stützt sein Abwarten auf elementare Einsichten. Erstens: Man kann nicht ein Jahr lang Dauerwahlkampf führen. Die eigentliche Schlacht muß kurz und kräftig geschlagen werden – nach der Sommerpause. Zweitens: Bis dahin kommt es für Scharping nur auf eines an – die SPD darf nicht so weit absacken, daß alle sagen, sie hätte gar keine Chancen mehr. Und den Laden in dem knappen Jahr seines Vorsitzes überhaupt wieder auf die Beine zu bringen – wer hätte es ihm denn nach- oder vormachen können? Nur an einem sei er gescheitert: die SPD außenpolitisch auf Kurs zu bringen; aber das wurde ja nun vom Bundesverfassungsgericht erledigt.

Im August soll es dann richtig losgehen mit der Kampagne: Mitte des Monats werde die Regierungsmannschaft vorgestellt; parteilose Persönlichkeiten sollen die gesellschaftliche Öffnung der SPD signalisieren. Ende August will Scharping dann ein Buch vorlegen, das auch all jene zufriedenstellen soll, die nach Visionen verlangen. Und nach Emotionen: Brechts "Kinderhymne" wird ihm vorangestellt sein. Am 4. September folgt dann der formelle Wahlkampfauftakt, mit Helmut Schmidt und dem fetzigen Geiger Nigel Kennedy. Am 10. September soll eine kulturpolitische Veranstaltung in München den Schulterschluß zu den Intellektuellen und Künstlern beschwören. Und dann: Das Programm für die ersten hundert Tage... Bis dahin heißt es, so Scharping: "Wir müssen halt das Tal durchwandern."