Von Bernd Hans Martens

Mit jedem reden, am liebsten mit mehreren gleichzeitig im Vorübergehen: Juhu – ist ihr geläufigstes Wort, und so ist sie auch, immer juhu; wenn sie unter Leute geht, geschieht etwas mit den Menschen ringsum. Am Postsparschalter schließt die Schlange auf, als sie vom Ende her nach Adreßaufklebern fragt. Der Beamte schüttelt den Kopf, ohne aufzusehen; er kennt Juhu. „Heute nicht“, gibt die Schlange nach hinten durch. Stille Post in der Post, und wie immer, am Ende kommt es anders: „Für Deutsche nicht“, ruft Juhu mehrmals hintereinander. Der Beamte schüttelt schon wieder den Kopf. Sie bedankt sich mit einem ausgeprägten „Juhuhuhuhu“ und stakst durch die Schalterhalle.

Sie kann nicht stillstehen, nicht still sein. Wer in ihrer Nähe ist, wer sie nur ansieht, wird angesprochen. Was augenfällig ist, kommt ihr in den Sinn und wird auf der Stelle öffentlich gemacht. Ein Blick genügt ihr: der Mann am Rentenschalter mit Vollbart und Glatze. „Dir sind wohl die Haare verrutscht“, ruft Juhu im Vorübergehen.

Sie selbst ist kaum ansprechbar. Und wenn doch, bestimmt sie das Thema, erklärt Leute, die schwitzend in Warteschlangen stehen oder barfuß ihre Sandalen im Einkaufskorb tragen, eigentlich alle, die anders sind, als sie erwartet, kurzerhand für verrückt. Darin scheint sie ganz normal zu sein.

Mit einem Singsang schlendert Juhu an den Warteschlangen entlang. Einer lacht lautlos, andere stehen stumm und dicht beieinander. „Die Ärmste ...“, sagt eine Frau am Postsparschalter und weiß nicht mehr weiter. Ihr Vordermann ergänzt: „Aber sie merkt es ja nicht!“ Sie trösten sich gegenseitig, so gut es möglich ist. Juhu sammelt zerknüllte Postvordrucke vom Boden auf, ein bißchen plemmplemm sei sie ja schon, sagt ein junger Mann. Meschugge, meint die Freundin. Das Pärchen findet immer neue Begriffe für diesen landläufigen Fall allgemeiner Verrücktheit: mall, deppert, hirnstichig, bregenklöterig. Lila umwölkt finden die beiden passend und am wenigsten diskriminierend. Früher, erinnert sich ein Mann mit einem Großbriefkuvert unterm Arm, da hieß es: „Einen an der Sommerluke haben.“ Man kommt ins Gespräch. Was man früher mit So-einer gemacht hätte. Ein Satz, der in Juhus krachendem Abgesang untergeht.

Sie geht auf die Tür zu, schwingt die Handtasche und singt Schlager von damals: „Die Männer sind alle Verbrecher, a-ber lieb, a-ber lieb, juhuhuhuhuhuhuhu!“

Sie kennt den Text, sie hält die Melodie. Sie räumt den Kindern Scherben aus dem Weg, sie kann mit Geld umgehen – ist so eine verrückt? Sie schafft keine Straße ohne Geheul, röhrt aber nicht mehr so fürchterlich, sagen jene, die sie schon länger kennen.