Wenn zwei Flaschen einander begegnen, sei auch die eine männlich (mit schwarzem Schraubverschluß) und die andere weiblich (mit rotem Schraubverschluß) – was kann man da schon erotisch erwarten, abgesehen von solidarischem Narzißmus? Und wenn zwei nackte Menschlein verschiedenen Geschlechts, so sie einander mit geschlossenen Augen umarmen, geschlechtsspezifische Duftnoten aus den Flaschen benötigen, damit sie einander nicht verwechseln: Welche Ahnung können die noch haben von der Orgie der körperlichen Düfte im Reich der basalen Instinkte? Andererseits – ist angesichts des Instinktverlustes im Zeitalter der Geschlechterdebatten der Griff zur Flasche nicht verständlich?

Der Film- und Parfumtitel „Basic Instinct“ basiert auf einigen antiquierten Theorien der Kulturanthropologie, die zum mythologischen Allgemeingut geworden sind. Demzufolge leben die tierischen Instinkte unterhalb der höheren Kultur im Menschen fort, gleichsam als natürliche Basis, jederzeit bereit, erneut hervorzubrechen. Die Erotik wurde dem Tier zugeschlagen, obwohl das Tier keine Erotik kennt, sondern sich bloß paart im Dienste der Vermehrung unter dem Gesetz des Instinkts. Die Alltagssprache verwandelte den Instinkt vom blinden Naturgesetz in eine Chiffre für gesellschaftlich unerwünschte Wünsche. Das „Tier in dir“, als Ausrede für Schweinereien wichtig, erhält durch die Bezeichnung als „Instinkt“ einen wissenschaftlichen Glanz.

Warum aber werden Wünsche immer unten, an der Basis lokalisiert? Der Mensch hat den aufrechten Gang – und damit sich selbst – erfunden, um das Tier durch Weitblick und Kontrolle zu beherrschen. Bei dieser Aufrichtung auf die Hinterpfoten haben sich die Sinnesorgane über die Geschlechtsorgane erhoben. Das Auge wurde in der Folge wichtiger als der nur in Bodennähe nützliche Geruchssinn, dieser konnte sich rückbilden. Geruch und Geschlecht verfielen wegen übermäßiger Bodennähe dem Tabu. Heute dient der Geruch nur noch als Erinnerer an die Schnüffelwelt vor der Menschwerdung, an jene paradiesische Zeit, in der noch die Nasen mit den Geschlechtsorganen auf einer Höhe lagen und den instinktiven Weg wiesen zur Arterhaltung – basal, nasal, genital. Und wenn diese Geschichte, die Freud erzählt hat, nicht wahr sein sollte, dann ist sie jedenfalls gut erfunden.

Mund auf, Augen zu. Das Pärchen auf unserem Bild hält die Augen geschlossen, denn diese stehen als Organe der Fernsicht, der Überwachung und des Kulturhochzugs im Verdacht, in Opposition zu stehen zu jenen Organen, die nun endlich mal zum Zug kommen sollen.

Während sie ihre Nasenlöcher präsentiert, benutzt er die seinen zum Riechen. Die Erotik aber kehrt dennoch nicht zurück auf ihre genitale Basis, die unterhalb des Bildrandles bleibt, sondern kleidet sich in die tierische Metapher des Fressens und Gefressenwerdens ein, was freilich ganz untierisch ist. Zum Glück! Denn nur in der Metapher ist das Tier erotisch. Sein Instinkt verwehrt ihm die metaphorische Verschiebung des Fortpflanzungstriebes in orale Betätigungen wie Halsküssen.

Unser Mann im Bild fesselt die Hände seines Beutetieres, das sich indessen seinem tödlichen Biß gierig entgegenstreckt, so daß das Fesseln gänzlich unnotwendig wäre, wenn wir uns im Reich des Notwendigen befänden; aber das tun wir nicht. Das Männchen, wie alle Säugetiere aus der Hülle eines Muttertieres hervorgegangen, umhüllt nun zwischenzeitlich sein Weibchen mittels Umarmung, um sie dazu zu bewegen, baldigst die Hülle seines Geschlechts und seiner Nachkommen zu werden. Die mehrfach übereinander gelegten Umhüllungsgesten der Hände thematisieren diese Hüllenproblematik des Geschlechtlichen mit gutem Grund: Parfüm ist eine unsichtbare Körperhülle. Geraten zwei Körper aneinander, so verschmelzen ihre Gerüche gerade so, als würde man die beiden Fläschchen zusammenschütten.

War der Film bloß ein Werbespot fürs Parfüm, oder ist umgekehrt das Parfüm bloß ein Werbeträger des Films? Die verschiedenen Zeichen in verschiedenen Medien verweisen bloß wechselseitig aufeinander, nicht mehr auf eine Realität. Der Markenname Basic Instinct benennt nichts außer dem Zusammenhang zwischen den Produkten. Die Produkte dienen der Aneignung des Namens, nicht umgekehrt. In diesem Stadium der Immaterialität wächst eine gewaltige Sehnsucht nach einer Realität, die man noch mit den Händen greifen könnte. Deshalb wendet sich die erhabene Schrift auf den Flakons nicht an das medial verblendete Auge, sondern an den Tastsinn der Hand. Damit der Name real werde, erscheint er in Blindenschrift. Unser Pärchen schließt die Augen, riecht und greift. Es gibt eben Situationen, da will man genau wissen, ob man gerade in der Realität oder im Kino ist.