Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Der Kaiser von China kam nach Berlin und fand seinen Meister. Wir reden nicht von jenen radikalen Krawalleuren, die mit schrillen Transparenten und schlecht geföntem Haar die Würde des Brandenburger Tors versperrten, weil sie niemals wissen werden, was das ist: Liberalität und freie Fahrt. Nein, Berlins Oberbürgermeister Diepgen hat von Li Peng mehr für die gequälte Kreatur ertrotzt als alle Menschenrechtsgruppen zusammen: Bao-Bao, der Pandabär im Berliner Zoo, erhält eine Gattin aus dem Reich der Mitte. Bärchen lacht. Die Zeit der Keuschheit ist vorbei.

Man schüttelt wieder Hände mit den Schlächtern vom Tiananmen. Man stellt sich unserer gewachsenen Bedeutung in der Welt. Man ist wieder wer. Und wer wären wir denn, daß wir China zu belehren hätten – ausgerechnet wir? Schon vergessen, Wilhelm des Verrückten Hunnenrede und Graf Waldersees Massaker im Mandschu-Reich? Dazu der kulturelle Unterschied: Unsere Individualethik greift in China nicht. Konfuzius war kein Nazarener. China ist einfach anders: das Porzellan, die Schrift, die Seidenraupen, die freiere Einstellung zur Todesstrafe – wie können wir da überhaupt mitreden?

Wir können. Wir saßen im Juni 1989 in der übervollen Ostberliner Samariterkirche. Wir sangen und beteten, halb für die Studenten in Peking, halb gegen unsere eigne Angst, denn draußen kreisten die Wagen der Polizei, parkten die Mannschaftstransporter, belferte die Stimme: Gehen Sie UNVERZÜGLICH auseinander! – Man merkt sich gut, was man empfand vor den Mündungen von Maschinenpistolen.

Zeit verging. Wir Ostler wurden so verschieden, wie wir wirklich sind. Man muß nicht jeder Vergrämung Bärbel Bohleys folgen, um sie zu respektieren für ihre festen Worte gegen Diepgens Polizeigewalt am Brandenburger Tor. Man muß nicht Manfred Stolpe aus dem Amte wünschen, um sich zu ekeln vor seinem Krenz-und-Kirchentags-Gelächel an der Seite von Li Peng. Damals war Stolpe unser aller Hoffnung gegen die Li Pengs der DDR. Und der 4. Juni 1989 ist ihr Sargnagel gewesen.

Es herrscht ein wohlbewiesner Aberglaube in der schönen neuen Welt: daß alles, was da Geld hat, warm miteinander im Bette liegt. Selbst Rüstungs- und Giftmüllexporte sind Aufträge, damit leben wir (wer noch?) und retten die Pandabären. Denn, nicht wahr?, wer im Glashaus schläft, soll nicht Fenster putzen. Entspannung war und bleibt so teilbar wie die Welt. Gern hören wir auch künftighin die Bonner Predigt vom Unrechtsstaate DDR. Gern sehen wir jene Hände, die Li Pengs Rechte geschüttelt, an den Straßenschildern kommunistischer Märtyrer schrauben. Gern schrieben wir anders. Eins wollten wir 1989 nie wieder: zynisch leben.

Christoph Dieckmann