Die militärische Forschung an Hochschulen befindet sich in einer mißlichen Lage: Geheimhaltung und Öffentlichkeit vertragen sich nur schwer. Zutage trat dieser Konflikt jetzt in Niedersachsen, wo das neue Hochschulgesetz verlangt, daß alle Ergebnisse von Forschungsprojekten an den Hochschulen des Landes veröffentlicht werden. Das Verteidigungsministerium will jedoch bei den von ihm finanzierten Projekten weiterhin selber entscheiden, welche Resultate publiziert werden dürfen und welche geheim zu bleiben haben. Für beide Seiten hat der Streit grundsätzliche Bedeutung: Auf der Hardthöhe sieht man die Forschungsfreiheit in Gefahr. Niedersachsens Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt geht es dagegen um die gesellschaftliche Verantwortung und Öffentlichkeit der Forschung.

ZEIT: Frau Schuchardt, warum müssen neuerdings die Wissenschaftler der niedersächsischen Hochschulen die Ergebnisse offenlegen, die gewonnen werden?

Schuchardt: Weil Hochschulen ein Ort der öffentlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung sind. Da verbieten sich Projekte wie etwa im Bereich der Militärforschung, deren Ergebnisse nicht an die Öffentlichkeit gelangen, von selbst. Darüber hinaus kann es nicht sein, daß Studierende und Wissenschaftler an Projekten mitarbeiten, deren letzlichen Zweck sie gar nicht kennen. Das führt unter Umständen dazu, daß Studenten, die den Wehrdienst verweigert haben, ohne ihr Wissen an Militärforschungen beteiligt sind.

ZEIT: Nicht nur das Verteidigungsministerium, sondern auch Auftraggeber aus der Industrie wollen die Ergebnisse der von Ihnen finanzierten Forschungen geheimhalten, um einen möglichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten nicht zu verspielen. Ist das nicht ein legitimes Interesse?

Schuchardt: Das ist durchaus legitim – solange die Ergebnisse am Ende doch noch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir wollen gar nicht verhindern, daß etwa Auftraggeber aus der Wirtschaft, die mit einer Hochschule ein neues Produkt entwickeln, solche Marktvorteile nutzen. Deshalb räumen wir ihnen einen befristeten Zeitraum von ein oder zwei Jahren ein, in dem sie die Forschungergebnisse zunächst allein auswerten können. Danach aber müssen sie die Ergebnisse auf den Tisch legen. Gerade jedoch die Resultate der Militärforschung wurden bisher zumeist überhaupt nicht veröffentlicht – und genau das soll jetzt zumindest an den Hochschulen nicht mehr möglich sein.

ZEIT: Das Verteidigungsministerium hält die Veröffentlichungspflicht für verfassungswidrig, weil sie die Forschungsfreiheit einschränke, und läßt zur Zeit rechtliche Schritte dagegen prüfen. Wie geht der Streit aus Ihrer Sicht weiter?

Schuchardt: Wir halten auf jeden Fall an unserem Gesetz fest und sehen auch einem möglichen Rechtsstreit sehr gelassen entgegen. Das Bundesverfassungsgericht hat wiederholt entschieden, daß auch die Forschungsfreiheit nicht schrankenlos gewährleistet werden darf. Im übrigen finde ich es erstaunlich, daß die Kritik aus dem Verteidigungsministerium erst über ein halbes Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes laut wird. Da ist wohl auch etwas Wahlkampfgeplänkel mit im Spiel.