Von Ludwig Siegele

Lachen oder Weinen? Das Gesicht von Pierre Suard konnte sich nicht entscheiden, als er sich vergangene Woche nach seiner Anklage wegen Korruption der Presse stellte: Nein, meinte der Präsident des Elektrokonzerns Alcatel-Alsthom, er habe für die Kacheln in seinem Bad und in seinen beiden Toiletten nicht zuwenig bezahlt. Nein, die Fliesenleger hätten sich dann nicht durch überzogene Rechnungen für Aufträge einer Alcatel-Tochter schadlos gehalten.

Klar, daß der Chef einer der größten französischen Aktiengesellschaften mit einem Jahresumsatz 1993 von fast 46 Milliarden Mark die Angelegenheit selbst für ein "Nichtereignis" hielt: Schließlich ginge es doch nur um läppische hunderttausend Mark. Aber für Frankreich war der Auftritt eine Premiere. Denn nach Spitzenpolitikern und hohen Beamten sind nun auch endgültig die Topmanager in den Strudel der Skandale geraten.

Deswegen ist Frankreich freilich noch lange nicht Italien und Paris nicht Mailand, wie das Wall Street Journal oder die Financial Times vermuten: Dazwischen liegen Welten. Dennoch vollzieht sich auch in Frankreich derzeit eine kleine Revolution: Korruption – und zunehmend auch die allgegenwärtige Kungelei – wird nicht mehr ohne weiteres geduldet. Und niemand scheint mehr unantastbar, nicht einmal die grands patrons, die Wirtschaftshalbgötter in Grau.

"Hat das Unternehmen Geld gezahlt, um Aufträge zu bekommen, oder nicht?" Solche unangenehme Fragen gab es jede Menge Mitte Juni auf der Jahreshauptversammlung der Lyonnaise des Eaux-Dumez, die unter anderem fast ein Viertel der kommunalen Wasserversorgung Frankreichs kontrolliert. Und Jérme Monod, Präsident des Mischkonzerns mit einem Jahresumsatz von 27,5 Milliarden Mark (1993), hatte alle Mühe, die Kleinaktionäre zu beruhigen.

Ihr Ärger ist verständlich: Kurz zuvor hatte das Wall Street Journal den Skandalen in Frankreich einen langen Artikel gewidmet. Und darin hatte der Richter Thierry Jean-Pierre erneut angedeutet, die Lyonnaise des eaux und ihr großer Konkurrent Compagnie Generale des eaux (CGE) seien für "achtzig Prozent der politischen Korruption" verantwortlich. Prompt fielen die Aktien der beiden Unternehmen um einige Prozent.

Richter Jean-Pierre, der schon so manche Umtriebe der Finanziers der Sozialisten aufdeckte, ist sicherlich alles andere als objektiv: Im Juni kämpfte er an der Seite der Antieuropäer Philippe de Villiers und Jimmy Goldsmith um einen Platz im Europaparlament, mit Erfolg. Aber ganz falsch liegt der Jurist mit seinen Thesen nicht: Korruption reimt sich in Frankreich auf Kommunen, die auch in dem traditionellen Zentralstaat mittlerweile die meisten öffentlichen Aufträge in eigener Regie vergeben.