Von Patrick Illinger

Nacht für Nacht liegen sie auf der Lauer, starren ins All und hoffen, einmal als erste eine neue, noch unbekannte Himmelserscheinung zu erspähen. Hobbyastronomen gucken dabei zwar meist in die Röhre, doch immer wieder landen sie sensationelle Treffer. Und wenn in den nächsten Tagen der Komet Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter stürzt, werden sie wohl alle an ihren Teleskopen sitzen und davon träumen, einmal ihren Namen mit einem ähnlich aufsehenerregenden Ereignis verknüpft zu sehen.

Daß man damit nicht nur Ruhm und Ehre gewinnen kann, exerziert gerade Kometenentdecker Daniel Levy vor. Der Autor und Kolumnist der Zeitschrift Sky & Telescope, der den auseinandergebrochenen Eisball zusammen mit dem Wissenschaftlerpaar Shoemaker entdeckt hatte (ZEIT Nr. 22/1994), findet in diesen Tagen nicht nur seinen Namen in aller Munde, sondern erfreut sich auch der Einnahmen eines Werbevertrages mit einem Teleskophersteller. Für ihn hat sich die Kometenjagd gelohnt. Seine Leidenschaft, die er als "ein bißchen Kunst, ein bißchen Sport und gelegentlich Wissenschaft" beschreibt, wurde von insgesamt 21 Kometenentdeckungen gekrönt.

In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist dagegen Francisco Garcia, der im vergangenen Jahr eine mindestens ebenso aufregende Beobachtung machte. Am Abend des 28. März, nur drei Tage nachdem Levy "seinen" Kometen aufgespürt hatte, schob der Englischstudent Garcia sein 12-Zoll-Teleskop ans Fenster der elterlichen Wohnung in der spanischen Kleinstadt Lugo. Seine Mutter, die sich seit Jahren an die Marotte ihres Sohnes gewöhnt hatte, verhängte die Fenster gegen das störende Straßenlicht, und Francisco begann mit seinem abendlichen Beobachtungsprogramm. Als er den Blick auf die Galaxie M 81 richtete, durchlief ihn sofort ein Schauer. Viele hundert Male hatte er bereits diese Galaxie fixiert, und das Muster der Sterne war fest in seinem Kopf abgespeichert. Doch an diesem Abend war da plötzlich ein Lichtpunkt, den er noch nie gesehen hatte! Wie besessen rannte Francisco zu einem Freund, auf dessen PC ein Simulationsprogramm für Asteroiden gespeichert war. Hatte Garcia vielleicht einen solchen durchs All rasenden Gesteinsbrocken entdeckt? Fehlanzeige. Der spanische Hobbyastronom hatte etwas weit Aufregenderes erspäht: eine explodierende Sonne, eine sogenannte Supernova, und zwar die hellste seit fast sechzig Jahren am nördlichen Nachthimmel.

Als Garcia seinen Fund wissenschaftlichen Observatorien mitteilte, begann dort sofort ein hektisches Treiben. Lang festgelegte Beobachtungsprogramme wurden über Bord geworfen, und Garcias Supernova, die den wissenschaftlichen Namen "SN1993J" erhielt, rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Zwar hätte wohl auch eines der großen Observatorien der Welt die Supernova irgendwann entdeckt. Doch für Astrophysiker ist es wichtig, eine solche Sternenexplosion möglichst frühzeitig zu untersuchen, da sie aus der Helligkeit und Farbverteilung der kosmischen Detonation wichtige Ergebnisse ziehen.

Garcia ist mit seinem glücklichen Blick ins All beileibe kein Einzelfall. Jährlich werden derzeit rund zwei Dutzend Supernovae im All entdeckt; ein knappes Fünftel davon finden Amateurbeobachter. Und professionelle Observatorien wie auch etablierte Wissenschaftler profitieren enorm von solchen "freien" Mitarbeitern. "Diese Leute sind wirklich außerordentlich hilfreich", meint etwa Wolfgang Hillebrandt vom Münchner Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik.

Der unbestrittene Weltmeister der Freizeitastronomen ist dabei der australische Pfarrer Robert Evans. Er allein hat in den vergangenen fünfzehn Jahren über zwei Dutzend Supernovae entdeckt und inzwischen sogar ein "Handbuch zur Supernova-Suche" verfaßt. Unter Profiastronomen ist er inzwischen zur Legende geworden, doch der Gottesdiener trägt seinen Ruhm eher gelassen: "Das ist nur ein Hobby wie andere auch, Briefmarken sammeln oder Photographieren ... Ich suche halt Supernovae."