Von Georg Blume

Die Weltordnung des Fußballs ist in Unordnung geraten. Nicht nur das frühe Ausscheiden der großen Teams aus Deutschland und Argentinien, auch die kommerziell erfolgreichste WM aller Zeiten, die den Amerikanern ihr geniales Talent fürs Showbusineß bestätigte, hat die Fußballwelt verändert. Die WM 1994 zeigt, daß Fußball ohne Hooligans ebenso unterhaltsam wie profitabel ist.

Ein weiteres Fußball-Neuland, nämlich Japan, ist derzeit der bislang spektakulärste Testfall für eine völlig neue Fußballvermarktung auf lange Sicht, die freilich auch das Spiel auf dem grünen Rasen von Grund auf verändert.

Der alte Fußball riß in Japan niemand vom Hocker. Bis vor wenigen Jahren kamen zu den Liga-Spielen durchschnittlich tausend Zuschauer. Baseball und Sumo regierten die Sportwelt der Samurai, bis sich ein alter Mittelstürmer eines Besseren besann. Exnationalspieler Saburo Kawabuchi faßte mitten im Börsenboom der achtziger Jahre den Entschluß, Japan zur Weltfußballmacht zu machen. "Ohne ein hohes Ziel wäre es den Versuch nicht wert gewesen", erklärt der nunmehr 57jährige Erfolgsmanager, der den Sponsoren von Toyota, Matsushita und Nissan erst beibringen mußte, was Fußball so unwiderstehlich macht.

Tatsächlich sind inzwischen sämtliche Fußballstadien Nippons bei Anstoß ausverkauft. Durchschnittlich sehen 18 000 Zuschauer die Spiele. "J-League" nennt sich das von Kawabuchi erfundene Sportprodukt, bei dem alte Superstars wie der Brasilianer Zico und der Deutsche Pierre Littbarski erheblich zum Erfolg beitragen. Von den wöchentlich sechzehn Begegnungen an zwei Spieltagen wird die Hälfte live im Fernsehen übertragen. Hunderttausende ausgeflippter Fans pilgern derweil in die Stadien, um ihren Mannschaften mit Latino-Melodien Rhythmus einzutrichtern. Der neue Massensport ist längst ein Gesellschaftsphänomen, das den sozialen Wertewandel verkörpert. Individualismus ist nicht nur beim Spiel angesagt. Manche Spieler haben sich die Haare rot gefärbt, andere tragen lange Mähnen. Wer ein Tor schießt, wackelt mit der Hüfte und schlägt Purzelbäume.

"Der Trend geht in Richtung lateinamerikanische Brillanz", beobachtet Japan-Kenner Franz Beckenbauer, Berater der Urawa Red Diamonds von Mitsubishi Motors. Nicht umsonst wurde Zico als erster Ausländer überhaupt mit der höchsten nationalen Verdienstmedaille ausgezeichnet. Allerdings im Eigeninteresse: Denn nur brasilianischer Ballzauber sichert das boomende Fußball-Geschäft, defensive Mauerkunst könnte die jungen Fans, in der Mehrzahl Mädchen unter achtzehn, rasch verprellen.

Die Zahlen sprechen für sich: Statt geplanten Einnahmen von 68 Millionen Mark setzte der J-League-Verband im ersten Jahr seines Bestehens 140 Millionen Mark um. Die neuentstandene Fußballbranche insgesamt brachte es 1993 auf 2,2 Milliarden Mark Umsatz. Das japanische Erfolgsrezept ist freilich mit dem Unternehmen Bundesliga kaum zu vergleichen.