Von Bartholomäus Grill

Johannesburg

Die Südafrikaner waren bekanntlich lange isoliert und müssen sich erst wieder an die Gepflogenheiten der Geopolitik gewöhnen. Vorige Woche haben sie gelernt, was ein Blitzbesuch ist. Landung, Pressekonferenz, Gespräch mit Mandela, Township 1, Kapstadt, Township 2, Bankett in Johannesburg, Pressekonferenz, Abflug. Dazwischen eine Mütze Schlaf, koloniale Attitüden, Großmachtgehabe. François Mitterrand was here. In genau 37 Stunden hat der französische Präsident das Land abgehakt. Immerhin: Er war der erste Staatschef, der dem neuen Südafrika die Ehre gab. Aber sein Versprechen, sich um internationale Hilfe für den Wiederaufbau zu bemühen, konnte den zwielichtigen Eindruck, den seine Entourage hinterließ, nicht verwischen.

Die Südafrikaner demonstrieren inzwischen das Selbstbewußtsein einer endlich anerkannten Regionalmacht. Sie wissen Mitterrands Stippvisite sehr wohl in den jüngsten afrikapolitischen Vorstoß der Franzosen einzuordnen. Währungshüter in Abidjan, Friedenslegionäre in Kigali, Kapitalanleger am Kap: Auf dem Schwarzen Kontinent toupiert sich die Grande Nation wieder zur alten Weltmacht – und wirkt dabei bisweilen wie eine Kolonialmacht. "Das Eigeninteresse ist allemal stärker als der Altruismus", stichelte ein hiesiger Kommentator. Mit dem Bekanntheitsgrad Mitterrands hapert es am Kap allerdings noch. Die jubelnden Bürger, die zu Tausenden die Straßen von Soweto säumten, wollten nämlich nur einen Mann sehen: ihren Madiba, den Präsidenten Nelson Mandela. Auf die Frage, ob er denn wisse, wer hier und heute durchs Township braust, antwortete ein Zaungast: "Ein paar französische Kerle."

Aber was ist schon ein Blitzbesuch gegen einen Blitzwechsel? Der Rücktritt eines Ministers beschäftigte das Volk viel mehr als der Besuch aus Paris. Noch nicht einmal hundert Tage war Derek Keys im Amt, da kündigte er schon seinen Abschied an, und alle rätseln, warum. Denn gestern wurde der (weiße) Finanzminister noch als Robin Hood gefeiert und sein Haushaltsplan als "sozialdemokratisches Budget". Umgerechnet 60 Milliarden Mark sieht der Etat für das ehrgeizige Wiederaufbauprogramm (RDP) vor. Die Steuern werden – vorerst – nur auf Tabak und Alkohol erhöht, allerdings drastisch; Besserverdienende, Unternehmen und Körperschaften zahlen eine Aufbauabgabe von fünf Prozent; kleinere Einkommen bleiben ausgenommen. Ein kluger Plan im Geiste von Roosevelts New Deal, mit dem Arm und Reich, Schwarz und Weiß leben können.

Er habe aus privaten Gründen das Handtuch geworfen, sagt Keys. Der solide Finanzexperte sei vor der Wucht der Aufgabe in die Knie gegangen, wird gemunkelt. Wie auch immer: Durch seinen angekündigten Rücktritt hat die Regierung der nationalen Einheit erste Federn gelassen. Die Börse reagierte nervös, die Wirtschaftskapitäne zeigten sich verunsichert – Keys hatte ihr Vertrauen. Um es wiederherzustellen, ernannte Mandela sofort einen Nachfolger: den konservativen Banker Chris Liebenberg, auch er ein Mann von strenger Finanzdisziplin, die Wirtschaftswelt sollte mit ihm leben können. De Klerks Nationaler Partei (NP) ist indes ein Schlüsselministerium verlorengegangen. Mandela schlug eine Lösung à la Afrika vor: Liebe Freunde, wir schaffen für euch einfach einen zusätzlichen Kabinettsposten...

Trotzdem: Durch die Union Buildings in Pretoria, wo sich die multirassische Regierung unterdessen eingearbeitet hat, wehen immer noch Heiterkeit und Gelassenheit. "Eine Stimmung wie in den Flitterwochen", schwärmt Thabo Mbeki vom African National Congress (ANC), der neben Exstaatschef Frederik de Klerk (NP) zum Vizepräsidenten ernannt wurde. Die Berufung der beiden Stellvertreter Mandelas wurde allgemein begrüßt; die Zusammensetzung des Kabinetts hingegen hat nicht jeden beglückt. Zum Beispiel den früheren Außenminister Pik Botha. Der alte Haudegen hatte darauf spekuliert, im Amt zu bleiben. Doch er wurde gegen den farblosen Alfred Nzo ausgetauscht, der schon als ANC-Generalsekretär eine jämmerliche Figur abgegeben hatte – ein Geschenk Mandelas an einen alten Veteranen. Erstaunlich auch, daß der blitzgescheite Mac Maharaj nur den Juniorposten eines Transportministers erhielt, vor allem aber, daß ANC-Generalsekretär Cyril Ramaphosa – ein möglicher Nachfolger Mandelas – nicht zur Ministerriege gehört.