Ein Schwarzer und ein Weißer: zwei Flüchtlinge vor dem angolanischen Bürgerkrieg. In einem Hotelzimmer in Lissabon (dort teilen sie sich im Zwölfstundentakt ein schmales Bett) hat der Weiße den Schwarzen an die Heizung gekettet. Er will wissen, wo der andere die Diamanten versteckt. Aber es gibt keine Diamanten mehr.

Vor den Augen des Schwarzen setzt der Weiße sich den letzten Schuß Heroin und stirbt. Er hatte einen Paß; sein Gefangener hat keinen. Wenn man ihn neben der Leiche findet, ist es mit seiner Flucht vorbei. Der Selbstmord des Weißen hat auch die Existenz des Schwarzen vernichtet.

So sieht das allegorische Finale von Gabriel Gbadamosis Theaterstück „Hotel Orpheu“ aus, uraufgeführt an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Den Weißen, kraft Hautfarbe die „Erste Welt“, haben schmutzige Geschäfte längst schon reich gemacht. Im Nebelreich seiner Sucht erinnert er sich noch dumpf an seine alte Gier nach Bodenschätzen. Aber die Taschen der „Dritten Welt“ sind leer. Sie ist die Geisel der Ersten Welt, mit der sie sich im Sonnensystem im Vierundzwanzigstundentakt einen blauen Planeten teilt. Deren Selbstmord sie aus der ersten Reihe miterleben darf und selbst nicht überleben kann. Der Autor Gabriel Gbadamosi, 33 Jahre alt, wohnhaft in London, ist halb irischer, halb nigerianischer Abstammung. Er hat in Cambridge studiert. In Gedichten versucht er den Spagat zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren. In seinem Stück bringt er zwei Menschen zusammen, die nur gemeinsam eine Überlebenschance haben. Es ist der Schwarze, „Joe“, der das erkennt und traurig durchzusetzen versucht. Es ist der Weiße, „Joao“, der sich, vor der Wahl, ob er seinen Zimmergenossen im „Hotel Erde“ lieben oder hassen soll, lallend für den Haß entscheidet und beide ins Verderben zieht.

Vor den Schluß im Hotel hat der Autor die Flucht aus Angola gesetzt, im Laderaum eines Frachters voller Fische. Hier begegnen sich Joe und Joao und tun, was man von Theaterfiguren in solchen Situationen erwartet: Sie fletschen ein bißchen die Zähne, lecken einander ein bißchen die Wunden und benehmen sich überhaupt äffisch. Was sie sagen, bleibt Papier und muß im Selbstgespräch sofort wichtige dramaturgische Informationen transportieren („ES IST KRIEG, verfluchte Hurenscheiße noch mal...“). Ihre Sprechpausen werden später dankbare Schauspieler mit Kraftmeiereien füllen. „Now we wait“, sagt Joe. Regieanweisung: „Sie warten.“

Gabriel Gbadamosi interessiert sich mit trockener, akademischer Genauigkeit mehr für die Wahrheit (und das Recht) seiner Figuren als für seinen eigenen Nachruhm. Das Schlußbild gelingt, aber auch darüber bricht ihm nicht der Schweiß aus. Kein Engel schwebt vom Bühnenhimmel, nichts donnert außer den Straßenbahnen vor dem Hotelfenster (und die Dialoge seiner Helden rascheln leise, aber von tiefem welthistorischem Anstand durchdrungen).

Zur Uraufführung am Lehniner Platz werden die Zuschauer unter die Schaubühnenbühne geführt; dort zeigt ihnen die Theatermaschinerie ihre Instrumente. Die Bühnenbildner Ruth Faltin und Gisbert Jäkel, im Schönheitswettstreit mit der Kinoleinwand, verleihen dem Abend den superrealistischen Look des Hauses. Der Schiffsbauch erinnert an das Zwischendeck des Raumkreuzeis Nostromo (wo Sigourney Weaver einst das schleimige „Alien“ jagte). Nur die Fische sind nicht schleimig, sondern große, trockene Sofakissen mit freundlichen Knopfaugen. Für den besseren Blick auf das schönste heruntergekommene Hotelzimmer der Theatergeschichte (Morgensonne: Valentin Galle) wird das winzige Zuschauerpodest dann hydraulisch ein paar Zentimeter nach rechts versetzt.

Die Schauspieler (Michael König, weiß, und Nicholas Monu, schwarz) bestätigen alle Klischees vom entfremdeten Europäer und beneidenswert – so aus dem Bauch heraus – „authentischen“ Afrikaner. Ihr Regisseur Matthias Gehrt gibt ihnen auf dem Fischdampfer wenig Zeit, sich miteinander vertraut zu machen; sie fallen rasch und gekonnt von einem dramatischen Zustand in den nächsten. Alle Versuche, heilig-theatralische Zeichen zu setzen (mit einem plötzlich aufglühenden ewigen Licht und Sphärenmusik von Arvo Pärt), scheitern.