THÜNGEN. – Donnernde Laster, dröhnende Flugzeuge, krachende Preßlufthämmer, dünne Wohnungswände, hinter denen die Nachbarskinder lauthals Rudi Völler und Andy Möller spielen – ganz Deutschland hat mit dem Lärm zu kämpfen. Ganz Deutschland? Nein, in einem kleinen Dorf in Unterfranken weiß man, daß es Schlimmeres gibt: Die wahre Qual ist die Stille.

Unerbittlich senkt sie sich Nacht für Nacht über Thüngen, einen 1500-Seelen-Ort. Nur einer schläft dort jetzt besonders tief und fest: Pfarrer Gerhard Fragner. Auf sein Geheiß künden die Glocken der evangelischen St. Georgskirche zwischen 22 und 6 Uhr keinem mehr, was die Stunde geschlagen hat. Der Grund: Die Turmuhr ist nur zwölf Meter von des Pfarrers Schlafzimmer entfernt. Und es reichte ihm, jede Viertelstunde aus den Träumen gerissen zu werden, durch einen „deutlichen Hinweis auf die Präsenz der Kirche und die Zeitlichkeit des menschlichen Seins“, wie das saarländische Oberverwaltungsgericht vor Jahren die Bedeutung des Zeitläutens mit hübschem Tiefsinn umschrieb.

Nun sind Querelen um die schlafstörende Wirkung von Kirchenglocken nichts Neues. Gerichte aller Instanzen verhandelten darüber, eifrige Leser bunter Meldungen sind mit vielen Spielarten der Materie vertraut. Einzigartig ist aber, daß hier kein renitenter Atheist – dem per definitionem der Schlaf das Heiligste ist – gegen die Glocken rebelliert, sondern der Gottesdiener selbst. Deshalb ist es nun nachts in Thüngen totenstill, aber tagsüber ist die Hölle los: Eine umtriebige Bürgerinitiative gegen das Schweigen der Glocken beantragte eine Volksabstimmung, und Bürgermeister Armin Weber rief an die Urnen.

Politiker in Bonn, schaut auf diesen Ort: Während das unendliche Gerede von Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit den Rest der Republik in einen verdrossenen Tiefschlaf zu versenken droht, lehrt Thüngen, wie man mit den richtigen Themen den Bürgern doch noch das eine oder andere Kreuzchen abringen kann. Immerhin knapp ein Drittel der Wahlberechtigten stimmte ab, davon wollen satte 82 Prozent die Glocken wieder schlagen hören. Aber der Pfarrer und sein Kirchenvorstand blieben hart, und rechtlich hat das Bürgervotum kein Gewicht.

Bevor nun in Thüngen der basisdemokratische Elan zu einem explosiven Gemisch aus Kirchen- und Politikverdrossenheit mutiert, sei zur Güte daran erinnert, wie es mit dem Glauben heute steht. Im Himmel – wenn wir das sogenannte „Höhere“ einmal thesenartig dort orten wollen – herrscht nämlich ein ganz schönes Kuddelmuddel: An Ufos, außerirdische Wesen, Geister, Engel und allerlei unterschiedliche Götter glauben immer mehr Deutsche, wie erst kürzlich eine Forsa-Umfrage ermittelte. Nur der EINE, der christliche Gott, wird in diesem transzendentalen Supermarkt immer weniger nachgefragt. Wer heute Gott an die Leute bringen will, ist wirklich nicht zu beneiden. Sagen wir es so drastisch, wie es ist: Ein verpennter Pfarrer kann da einpacken. Soll er also schlafen! In Gottes Namen. Julia Baumgart