Im Jahre 1905 kauft Max Reinhardt das Deutsche Theater (1000 Plätze). Kaufpreis: 2,475 Millionen Mark. Dazu kommen 1906 die Mittel für die sogleich in Angriff genommenen Veränderungen im Bühnenhaus und Zuschauerraum und für den Umbau eines Tanzlokals im Nebenhaus zu den Kammerspielen (400 Plätze). Das Geld ist von bereitwilligen Förderern geliehen oder gestiftet, so von dem Zeitungsverleger August Huck, Reinhardts Hauptfinanzier. Geführt werden DT und Kammerspiele von einer Firma, die meist einfach Theaterdirektion Reinhardt genannt wurde, später eine GmbH, deren Hauptgesellschafter Reinhardt war.

1918 erwirbt die eigens zu diesem Zweck gegründete Deutsches National-Theater AG (DNT) für 2,75 Millionen Mark den Circus Schumann und läßt ihn für 8 Millionen zum Großen Schauspielhaus umbauen. Das Grundkapital dieser Aktiengesellschaft beträgt 1,6 Millionen. Max Reinhardt ist mit 500 000 Mark beteiligt; es gibt 59 weitere Aktionäre: Zweitgrößter Aktionär ist das Kaufhaus Wertheim mit 150 000 Mark; Wolfgang Huck, der Sohn des Zeitungsverlegers August Huck, zeichnet 25 000. (Bei der Goldmarkumstellung Anfang 1925 wird das Grundkapital auf 480 000 Reichsmark schrumpfen.) Vorstand dieser AG ist Edmund Reinhardt. Die Theaterdirektion Reinhardt pachtet von ihr das Große Schauspielhaus und verpachtet es ab 1924 weiter.

1929 stirbt der Kaufmann des Konzerns, Edmund Reinhardt; es beginnt auch die große Wirtschaftskrise, die in Berlin eine akute Theaterkrise heraufbeschwört. Von den fünf Theatern, die Reinhardt Anfang der dreißiger Jahre in Berlin gehörten oder von ihm gepachtet waren, ist 1932 nur noch eines übrig: das Flaggschiff, das Deutsche Theater. Um wenigstens dieses zu erhalten, muß Reinhardt Schulden machen.

Im Sommer 1930 nimmt er für 400 000 Mark Hypotheken auf, und zwar bei der Bank des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten (kurz „Arbeiterbank“ genannt). Nach mehreren Artikeln im Zwölf Uhr Blatt, die sich von allen anderen Pressestimmen durch intime Kenntnisse abhoben, beliefen sich die Schulden der Theaterdirektion Reinhardt Anfang 1932 auf circa 2,5 Millionen Mark: 1,7 Millionen bei der Arbeiterbank, „einige 100 000 RM Steuerschulden“, eine halbe Million bei anderen Gläubigern: dem Zeitungsverleger Wolfgang Huck, der 1911 die Mäzenatenrolle seines Vaters übernommen hatte, dem Bankier Fritz Andreae, einem Schwager Rathenaus (Hardy & Co.), dem Berliner Justizrat Julius Lubszynski.

Welche Verluste das Deutsche Theater in dieser Zeit machte, läßt sich überschlagen. Von den Pächtern, denen Reinhardt im Frühjahr 1932 das Deutsche Theater überläßt, verlangt er eine Jahrespacht von 275 000 Mark. (Und in der Zeitung steht schon vorher: Das werde nicht gutgehen, das sei ja Tag für Tag fast die gesamte Kasseneinnahme.) Hilpert, der Pächter von 1934 bis 1945, zahlt nur 60 000 Mark Pacht und erhält, um seine Finanzlöcher zu stopfen, vom Staat über 900 000 Mark Jahressubvention – und das zu einer Zeit, als die Leute wieder ins Theater gehen. Das Deutsche Theater dürfte Reinhardt demnach ab 1930 pro Jahr über eine Million gekostet haben.

Bis Anfang 1933 verschärft sich die Schuldenlage weiter. Kurz vor der Abreise Anfang März beauftragt Reinhardt einen seiner Berliner Anwälte mit dem Versuch einer Rettungsaktion. Ihr einziges Ziel: die totale „Katastrophe“ abzuwenden und wenigstens noch das ihm gehörende Schloß Leopoldskron bei Salzburg zu retten (die Theater scheinen bereits verloren gegeben). Grundlage des Plans bildet die Beschaffung einer Hypothek von 100 000 Dollar auf Leopoldskron. Am 7. März 1933 schreibt dieser Hansgert Frhr. v. Brandenstein im Auftrag Reinhardts einen dringlichen Brief nach New York. Darin schildert er Reinhardts Vermögenslage als „ausgesprochen schwierig“: Kredite der Arbeiterbank 1,9 Millionen Mark, 550 000 Mark Steuerschulden, 400 000 Mark Hypotheken auf dem Deutschen Theater, 100 000 auf dem Großen Schauspielhaus, Privat- und Betriebsverbindlichkeiten 160 000 Mark (und „unangenehme Privatgläubiger“). Alle Verbindlichkeiten addieren sich zu 3,16 Millionen Mark. Ihnen gegenüber stehe nur das Eigentum am Deutschen Theater (Einheitswert 1,2 Millionen) und zu etwa 75 Prozent (Reinhardts damaliger Aktienanteil an der DNT) am Großen Schauspielhaus (Einheitswert 2,3 Millionen). Beide Einheitswerte seien derzeit unrealisierbar.

Somit hatte das Deutsche Theater Reinhardts Vermögen in der Krise aufgezehrt, hinterläßt Reinhardt in Berlin Verbindlichkeiten etwa in der Höhe seiner dortigen Vermögenswerte. Er ist insbesondere ganz in der Hand seines Hauptgläubigers, der Arbeiterbank. (Deren Aktien erwirbt nach dem Krieg die Bank für Gemeinwirtschaft; heute lebt sie als deren Tochter unter dem Namen Grundstücksverwaltungsgesellschaft Saarbrücken GmbH fort.)