BERLIN. – Rein orthographisch ist der Unterschied gar nicht so groß – Lenin-Schule hätte das 2. Gymnasium im Berliner Bezirk Mitte zu DDR-Zeiten beinahe geheißen. Damals bogen die Eltern die von oben geplante Namensgebung erfolgreich ab. Das ist ein paar Jahre und ein ganzes Gesellschaftssystem her. Doch die Zeiten ändern sich, und nun sind es gerade mal zwei Buchstaben Differenz: Aus der verhinderten Lenin-Schule ist das Lennon-Gymnasium geworden. Vorname des Namensgebers: John. Zum ersten Mal in Deutschland prangt damit der Name eines Pilzkopfs an einem Schultor – schön in Silber gehauen und noch ein bißchen fremd unter dem Berliner Landeswappen mit Bär.

Wie John Lennon ausgerechnet dort zu Ehren kam, wo er und die Seinen einst jahrelang verboten waren? Ganz einfach: Nach der Wende hatte das Ostberliner Gymnasium in Mitte zwar eine Nummer, aber keinen Namen mehr. Folglich mußte man einen suchen. Erfolgreich geschult in der noch frischen Demokratie, schickte man auch die Schülerschaft auf die Namens-Pirsch: Lauter ehrwürdige Herren wurden da gefunden: Ernest Hemingway, Willy Brandt, Erich Kästner, Immanuel Kant. Nur hatten die aus Schülersicht alle den gleichen Makel: zu alt und verstaubt. „Bob Marley“ schrieb deshalb ein Scherzbold auf die Vorschlagsliste – und erntete dafür schallenden Applaus. „Wenn schon so ’nen verrückten Musiker“, warf da die Rock-begeisterte Musiklehrerin ein, „dann bitte schön eine Nummer größer.“ Die Nummer größer war schnell gefunden: der Mann mit der kleinen Nickelbrille, der Gitarre und seinem „Give peace a chance“. Er bekam die Mehrheit der 700 Schülerstimmen. Die Lehrer standen noch unter Schock, da landeten auch die Eltern einen Coup: Obwohl sie mehrheitlich für eine August-Bebel-Schule plädierten, schlossen sie sich dem Votum ihrer Kinder an.

Die Lehrer machten demokratische Miene zum verblüffenden Spiel: Der Rektor mühte sich, dem Namensbeschluß eine pädagogischüberzeugende Begründung abzuringen: „Friedensliebe, Weltoffenheit, Demokratie und Gleichberechtigung für alle Rassen und Klassen“ habe Großstadtkind Lennon durch seine Musik vermittelt, „Lebensfreude und Optimismus“ noch dazu. „Internationale Friedenshymnen“ habe er verfaßt und Plädoyers für „Liebe, Verständnis, Toleranz und Achtung“ geschrieben. Die Schule habe ihn zwar als Versager entlassen, seiner Selbstverwirklichung habe das aber nicht im Wege gestanden.

Bei so viel Lob wird Mr. Lennon wohl verschmitzt von seiner Wolke heruntergeblinzelt haben. Vera Gaserow