Wenn der Altmeister der deutschen Rußlandbeobachter, Wolfgang Leonhard, zur Feder greift, ist fast immer ein ungewöhnliches Leseerlebnis zu erwarten. So auch sein jüngstes Buch, dessen Titel bewußt an jenen legendären Bestseller erinnert, mit dem Leonhard vor fast vierzig Jahren seinen Ruf begründete. Längst hat die Revolution ihre Kinder entlassen; nun schickt die Reform ihre Väter aufs Altenteil. Michail Gorbatschow gehört bereits der Geschichte an, die Tage des Präsidenten Boris Jelzin scheinen gezählt.

Mit einer reizvollen Mischung von akademischer Akribie und plastischer Formulierungskunst beschreibt Leonhard den „steinigen Weg“ zum modernen Rußland, wobei für historisch nicht vorgebildete Leser vielleicht ein wenig zu häufig in den Zettelkasten gegriffen wird und die Flut der Zitate und erwähnten Namen gelegentlich verwirrend wirkt.

Um so präziser ist Leonhard, wenn es um die Analyse der Ursachen des Zusammenbruchs der einstigen Sowjetunion geht. Äußerst nüchtern werden die Erfolge und Mißerfolge Gorbatschows dargestellt, wobei sich Leonhard, sonst durchaus meinungsfreudig, jedes abschließenden Urteils enthält.

Wohltuend auch die Emotionslosigkeit, mit der die Persönlichkeit Wladimir Schirinowskis geschildert und die Hysterie der westlichen Boulevardpresse („Russen-Hitler“) auf das eigentliche Problem Rußlands mit diesem Politikertypus zurückgestutzt wird – auf die Gefahr nämlich, daß die Demokraten um Boris Jelzin und Außenminister Kosyrew zunehmend Schirinowskijs Einfluß ernst nehmen und beginnen, „selbst immer unverhohlener nationalrussische Töne“ anzuschlagen.

Dankbar ist man für die Entschiedenheit, mit der Leonhard dem immer wieder anzutreffenden Vorurteil der angeblichen „Demokratieunfähigkeit“ der Russen entgegentritt. Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang allerdings nicht nur der Hinweis auf die demokratischen Prozesse des letzten Jahrzehnts in Rußland gewesen, sondern auch auf die klassischen Demokratiemodelle der russischen Geschichte – von den demokratisch verfaßten Stadtstaaten des russischen Mittelalters bis zur traditionellen russischen Dorfgemeinschaft.

Zurückhaltend beurteilt Leonhard die Zukunftsperspektiven Rußlands. Zwar hält auch er gefährliche Rückschläge wie die Errichtung einer Militärdiktatur, eine Rückkehr zum früheren kommunistischen System oder einen Durchbruch rechtsradikaler Kräfte für „eher unwahrscheinlich“. Aber: „Völlig unmöglich ist nichts.“ Gerade in einer solchen Situation ist die aktive Unterstützung des Westens unerläßlich, die Schaffung eines ganzen Netzes von Beziehungen, um das Riesenreich Rußland auf dem schwierigen Weg zu Demokratie, zu Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft zu unterstützen.

Wolfgang Leonhards Buch ist wie nur wenige geeignet, Verständnis zu wecken für Rußland und die Probleme seiner Menschen beim Aufbruch in eine neue Ära. Klaus Bednarz