Eigentlich könnte Udo Rößing, Gemeindedirektor in Raesfeld, stolz sein. Die 10 000-Seelen-Gemeinde im Münsterland wurde kürzlich ausgezeichnet – vom Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen. Der Grund: Seit einem guten halben Jahr ist Raesfeld schuldenfrei. Ende vergangenen Jahres überwies der Kämmerer die letzte Kreditrate in Höhe von 10 000 Mark. Der Landesvorsitzende des Steuerzahler-Bundes, Karl Heinz Däke, schenkte der Gemeinde ein neues gelbes Ortsschild (Aufschrift: "Raesfeld, Kreis Borken – Einzige schuldenfreie Kommune in NRW") und lobte die "vorbildliche Haushaltspolitik". Schon einmal, 1987, war Raesfeld für seine Sparpolitik geehrt worden – mit dem "Eisernen Steuergroschen" des Bundes der Steuerzahler.

Doch Gemeindedirektor Rößing scheint das Aufsehen, das sein Ort dadurch erregte, eher unangenehm zu sein. Sein Bemühen sei es nicht, "einen bestimmten Platz in einer Erfolgsliste" zu erlangen; ihm gehe es allein um "eine gute Entwicklung der Gemeinde", erklärt er. Nicht auf Pump zu leben sei überdies eine münsterländische Tugend: "Schuldenmachen gilt hier schon fast als ehrenrührig." Daß Raesfeld nun als so solide und liquide hingestellt werde, habe bereits den Neid anderer, verschuldeter Gemeinden geweckt. "Aber wir sind keine reiche Gemeinde", stellt Rößing klar.

Die örtliche Wirtschaft ist mittelständisch geprägt. Bei dieser Betriebsgrößenstruktur, so Rößing, sei das Gewerbesteueraufkommen wegen der hohen Sockel- und Freibeträge eher gering. Außerdem liege der Hebesatz mit 260 Prozent ziemlich niedrig. 28 Millionen Mark beträgt der jährliche Etat, davon nimmt die Kommune nur rund acht Millionen Mark selbst an Steuern ein, der Rest sind Zuweisungen des Landes. Damit liegt Raesfelds Steuerkraft unterm Bundesdurchschnitt.

Was ist dann das Erfolgsrezept? Einen armseligen Eindruck macht der Ort jedenfalls nicht. Die Straßen, von schmucken Backsteinhäusern gesäumt, sind in einem tadellosen Zustand. Nirgendwo liegt Abfall auf dem Boden, die Grünanlagen wirken gepflegt. Das moderne Rathaus, 1983 fertiggestellt, ist durchaus repräsentativ. Und an Infrastruktur ist so ziemlich alles vorhanden, was eine 10 000-Einwohner-Gemeinde braucht: sechs Kindergärten, ein Jugendzentrum, eine Sportanlage, eine Feuerwehr und eine Kläranlage. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz: Zwei Museen hat der Ort; und im Rittersaal des mittelalterlichen Wasserschlosses finden regelmäßig Konzerte, Dichterlesungen und Kunstausstellungen statt.

Das Prinzip der Raesfelder Haushaltspolitik klingt verblüffend einfach: Nie mehr Geld ausgeben, als Geld hereinkommt. Als Rößing 1975 das Amt des Gemeindedirektors übernahm, hatte die "münsterländische Tugend" des Sparens offenbar gelitten: Der Ort hatte 4,1 Millionen Mark Schulden. Davon herunterzukommen sei sein wichtigstes Ziel gewesen. Das wesentliche Instrument war dabei die Privatisierung kommunaler Leistungen. Müllabfuhr und Straßenreinigung erledigen private Firmen. "Die können viel effektiver wirtschaften als eine Kommune", meint Rößing. Ein eigener Fuhrpark sei nie ganz ausgelastet.

Die Schulen und Verwaltungsbüros in Raesfeld werden inzwischen ebenfalls von privaten Putzkolonnen gesäubert. Das spare nicht nur eigenes Reinigungspersonal, sondern verringere auch die Verwaltungsarbeit: "Die Lohnberechnungen fallen weg." Sogar die Bauleitplanung und Unterhaltungsarbeiten bei öffentlichen Gebäuden werden privaten Planungsbüros und Architekten übertragen. Die Folge dieser Politik: Im Raesfelder Rathaus arbeiten nur 25 Angestellte und Beamte; bei anderen Gemeinden dieser Größenordnung sind es in der Regel 30 bis 35.

Weitere "Potentiale, die es zu nutzen gilt", so Rößing, seien die Kirchengemeinden, die freien Träger und die örtlichen Vereine. So unterhält Raesfeld beispielsweise keinen einzigen Kindergarten in eigener Regie. Fünf werden von der Kirche betrieben, der sechste von einer Elterninitiative. Zwar gewährt die Kommune Zuschüsse für die laufenden Betriebskosten, doch die liegen weit unter den Kosten, die der Gemeinde entstünden, wäre sie selbst der Träger.