Wechselkurse: ZEIT-Gespräch mit dem Bankier Wilfried Guth über den Dollarverfall und die Krise des Währungssystems

ZEIT: Herr Guth, der Dollar sorgt erneut für Turbulenzen auf den Märkten. Wie gefährlich ist der Zustand des Weltwährungssystems?

Guth: Der Zustand ist nicht unbedingt gefährlich, aber unbefriedigend. Wir sind zwar früher schon mit stärkeren Ausschlägen des Dollars fertig geworden, ohne daß die Weltwirtschaft zusammenbrach. Aber die „Bretton-Woods-Kommission“ vertritt in ihrem Bericht die These, daß die schwankenden und zeitweise verzerrten Wechselkurse dazu beigetragen haben, daß das Wachstum der Weltwirtschaft in den vergangenen zwanzig Jahren geringer war als in den Jahrzehnten davor. Der derzeitige Zustand schafft Unsicherheit. Das behindert Investitionen und verleitet Regierungen immer wieder zu schädlichen Eingriffen.

ZEIT: Eingriffe welcher Art?

Guth: Ich glaube, daß verzerrte Wechselkurse potentiell zu protektionistischen Maßnahmen reizen.

ZEIT: Das heißt, bei einem anderen Wechselkurs von Yen und Dollar gäbe es keinen Handelsstreit zwischen Washington und Tokio?

Guth: Umgekehrt: Die handelspolitischen Spannungen liegen zu einem wesentlichen Teil in der immer noch nicht genügend liberalisierten japanischen Wirtschaft begründet. Würde Japan stärker deregulieren, wären zweifellos die Einfuhren höher und der Handelsüberschuß geringer. Und dies würde wahrscheinlich zum Abbau der Wechselkursspannungen beitragen. Am Anfang der jetzigen Malaise stand allerdings der amerikanische Versuch, aus Enttäuschung über die mangelnde Liberalisierungsbereitschaft Japans den Wechselkurs als handelspolitisches Instrument einzusetzen. Man versuchte, durch öffentliche Äußerungen, den Dollar unten zu halten, um nicht zu sagen: ihn herunterzureden. Nun, nachdem die Märkte sozusagen auf diesen Zug aufgesprungen sind, wird es den Amerikanern zuviel, und man sagt: Gegen diese verrückten Märkte können wir nichts tun. Diese Erklärung ist genausowenig befriedigend wie der ursprüngliche Versuch, den Wechselkurs zu instrumentalisieren. Hier setzt die Bretton Woods Commission an: Wir glauben, daß multilaterale Vereinbarungen über die Angemessenheit von Kursen die Märkte beeindrucken würden und exzessive Kursausschläge verhindern könnten.