John Le Carré hätte nicht umsatteln müssen, denn es gibt sie noch, die schaurigschönen Geschichten aus dem schattigen Reich des Kalten Krieges. Im fernen Nordkorea tritt der „rote Dauphin“ auf die Weltbühne, und wir dürfen uns gruseln. CIA, Diplomaten, Überläufer, Kaffeesatzleser und ängstliche Südkoreaner beliefern uns mit bizarren Stories.

Also los: Der erste kommunistische Thronfolger ist ein verwöhntes Balg von 52 Jahren, ein dicklicher Playboy, schlau und jähzornig, klein und komplexbeladen, weshalb er Schuhe mit Plateausohlen trägt („cuban-heeled shoes“, raunt der britische Independent). Ausländer mag er nicht – Jimmy Carter gab er einen Korb –, aber einem hat Kim Jong II gestanden: „Ich bin kein attraktiver Mann. Ich bin doch nur so groß wie ein Zwerg.“ Solche Männer, das weiß doch jede, sind tyrannisch, machtbesessen und wüst. Prostituierte aus Schweden und natürlich Thailand, auch „bekannte Damen der Bühne“ müssen als pleasure team herhalten, mit ihnen und ausgewählten Gästen wird montags, mittwochs, freitags und sonntags gefeiert, weiß Newsweek, Orgien natürlich. Verklemmt, wie er ist, sieht er sich das Treiben auf Video im Nebenzimmer an, Dunhill-Zigaretten rauchend, Hennessy schlürfend. Eine japanische Bardame wiederum berichtete einem dankbaren Magazin, der kleine Mann habe sich ihr mächtig genähert, sei dann aber volltrunken kollabiert.

Mit vergnügungssüchtigen Speichelleckern umgibt sich der isolierte kleine Diktator, kolportiert Newsweek, „Russen und Chinesen“; die Schweizer Weltwoche weiß von Jaguar, Cadillac und grünem (!) Mercedes-Cabriolet zu berichten, obendrein von genau 26 Pornofilmen, die sich der Wüstling aus Italien habe kommen lassen. Und seinen kleinen Bruder hat er, selbst noch ein Kind, im Wasserlilienteich ersäuft! Mit diesem Gerücht schoß das Schweizer Blatt den Vogel ab und zog den Zorn von Luise Rinser auf sich. Welches Interesse kann die Schweiz an der Diskriminierung Nordkoreas haben? fragte sie und verwies auf eigene schöne Erfahrungen in jener Diktatur.

„Bizarre Geschichten“ sind auch der International Herald Tribune zu Ohren gekommen. Kim Jong II habe eine „irre Freude“ an öffentlichen Exekutionen, berichtet das Weltblatt. Eine Bazillenphobie und schwere Begeisterung für die Cartoons von der bösen kleinen Ente Daffy Duck komplettieren das Bild. Treffsicher titelt die Tribüne: „Exit Stalin and Enter Caligula“. Eine böse Stiefmutter ist auch noch im Spiel, die dem monströsen Kind das finstere Erbe nicht gönnt. So weit die westlichen Quellen über den „geheimnisvollsten Führer auf der Welt“. Die nordkoreanischen Mythologen sind auch nicht schlecht. Ihre „Sonne der Zukunft“ kam, so schreiben sie, unter wundersamen Vorzeichen zur Welt. Auf dem heiligen Berg Paekdu kündigte eine Schwalbe ihn für den 16. Februar 1942 an. So geschah es dann ebendort. „Erstaunlicherweise“ erhob er sich gleich, um im Himmel Platz zu nehmen.

Danach wußten seine Biographen immer Erstaunlicheres über ihren „lieben Führer“ zu berichten. In nur zwei Jahren habe er sechs Opern komponiert, „jede besser als alle Opern, die die Menschheit je geschaffen hat“. Schon der Knabe zeigte außerordentliche Fähigkeiten. Einen amerikanischen Spion entlarvte er ebenso wie einen Motorschaden. Ohne die Haube zu öffnen!

Einen Hauch von Realitätssinn aber konnte der „Genius der Literatur, der Architektur und des Militärwesens“ sich wohl doch bewahren. Ein südkoreanischer Regisseur, der acht Jahre in der Nähe des filmbegeisterten Kim Jong II verbracht hat, berichtet in seinem Buch „Echo aus der Finsternis“: Eines Abends hätten Sängerinnen dem „lieben Führer“ Lobpreisungen dargebracht; dessen Kommentar: „Alles Lüge, alles Show.“

So viel steht fest: Wenn die Wahrheit über den Mann herauskommt, kann alle Welt nur enttäuscht sein. So oder so. mg