Von Christian Schmidt-Häuer

Revolution heißt in des Wortes ursprünglicher Bedeutung "Rückdrehung". Die Ukraine und Weißrußland haben jetzt auf dramatische Art daran erinnert. Die Mehrheit ihrer Wähler holte nach, was in Rußland vor vier Jahren begonnen hatte. Sie stürzte die alte kommunistische Nomenklatura um den nationalen Wendehals Krawtschuk und den sowjetischen Betonkopf Kebitsch. Sie erteilte den Autoritäten, die hinter den Fassaden der neuen Staatlichkeit zu überleben versuchten, ohne zu verändern, vernichtende Absagen.

Doch gleichzeitig tritt der dubiose Volkstribun von Minsk, der mit achtzig Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählte Populist Lukaschenko, für die Rückkehr Weißrußlands zur Sowjetunion ein. Und der neue ukrainische Präsident Kutschma will Europas zweitgrößte Militärmacht durch die Rückwende zu engen Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland vor dem Zusammenbruch retten. Bei beiden Wahlen hat die Nostalgie einer verarmten Bevölkerungsmehrheit für die Stabilität der früheren UdSSR den Ausschlag gegeben.

Manche westlichen Beobachter sehen das anders. In ihren Augen holt der lange Arm Moskaus die slawischen Brüder heim ins Reich. Zwar ist deren Abhängigkeit von den russischen Rohstoffen nicht zu bestreiten. Und daß Moskau die slawische Dreieinigkeit der alten Kiewer Rus gerne geopolitisch erneuert sähe, ist eine Binsenweisheit, seit besonders Balten und Polen grimmig ins westliche Bündnis drängen.

Aber dennoch ist die Revolution mit den Stimmzetteln vornehmlich eine Rückdrehung aus eigenem Antrieb. Weißrußland, das nie eine eigene Staatlichkeit und nationales Selbstbewußtsein besaß, das durch fremde Kriege und Katastrophen bis hin zu der vom ukrainischen Tschernobyl nahezu untragbare Verluste erlitt, klammert sich seit je daran, das Notdürftigste zu konservieren – Konflikte fürchtend, politisch abstinent. Für die Mehrheit der zehn Millionen Bürger führte der Weg in die Unabhängigkeit geradewegs aus dem Paradies der Stabilität im Verbund mit Moskau. Alle, die diesen Umbruch zu steuern oder zu nutzen versuchten, sind jetzt bei der Protestwahl gegen den wirtschaftlichen Niedergang hinweggefegt worden.

In der Ukraine, die in der westlichen Landeshälfte zwar ein hochfliegendes Nationalbewußtsein besitzt, aber insgesamt auch nie ein Staat war, brachte die Unabhängigkeit für die östliche, russisch orientierte Hälfte nur soziale Degradierung ohne entschädigende nationale Emotionalisierung.

Der intellektuelle Aufschwung durch Glasnost, der viele russische Großstädte trotz aller Rückschläge verändert hat, ist in der Ukraine an Provinzialität und nationaler Überheblichkeit und in Weißrußland an der großen Angst vor Veränderung gescheitert. Im Wirtschaftsleben haben beide Staaten in den zweieinhalb Jahren ihrer Eigenständigkeit vom sowjetischen Unterbau viel mehr behalten als Rußland: Miß- und Planwirtschaft – von Wettbewerb kein Windhauch.