Der Brief kommt aus dem Kieler Landtag, mit Datum vom 30. Juni 1994. Er wendet sich an die Presse sowie an Abgeordnete der CDU und FDP und kommt zur Sache: "Wir, die Unterzeichner, beabsichtigen am Freitag, dem 1. Juli 1994, 13.00 Uhr, im Konferenzsaal des Landtages, eine schmackhafte Rinderroulade zu essen", steht da. 23 Unterschriften.

23 Abgeordnete fordern – nicht Diäten, sondern Rouladen. Im Konferenzsaal! Nun ist der Norden eine Gegend, in der die Wiesen und die Gefühle eher flach verlaufen und nur mal das Meer hohe Wellen schlägt. Was also geschah in Kiel? Ein Fall von parlamentarischer Freßsucht? Von BSE? Spongiforme Enzephalopathie politicae? Ausgelöst wodurch?

ZEIT- Leser erinnern sich: Der 30. Juni war jener Donnerstag, an dem die ZEIT Nr. 27 zur Auslieferung kam. Auf Seite 66 standen sieben "Rezepte gegen Rinderwahn" (für jeden Wochentag eins). Einer der Rezepteure war ein Helmut Zipner. Zipner ist (noch?) Koch im Kieler Landtag. Er war aufgefallen, weil er in seiner Kantine, die Abgeordnete sowie 200 Grundschüler verpflegt, ein Rindfleischverbot verhängt hatte. Wir druckten die Begründung: "Die Politiker, die gegen ein Importverbot entscheiden, wird es in zwanzig Jahren nicht mehr geben – aber die Schüler haben dann vielleicht die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit." Sein Rezept zum Überleben: Matjes.

Es war Freitag, der 1. Juli 1994, als in Bäk (Schleswig-Holstein) ein zweiter Brief abging: an Zipner. Den schrieb die CDU-Abgeordnete Dr. Christel Happach-Kasan. Sie outete sich und zwei Kollegen als Mitinitiatorin des Rouladenessens, es sei ein Protest gegen den Rindfleischbann, "weil wir der Überzeugung sind, daß in Schleswig-Holstein produziertes Rindfleisch unbedenklich verzehrt werden kann..." Unten: "Ich erlaube mir weiter die Anmerkung, daß ich den Hinweis auf die Verpflegung von Grundschülern nicht verstehe. In Ihrem Restaurant essen regelmäßig die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Landeshauses, verschiedener Ministerien, der Fraktionen und auch Abgeordnete. Sind Sie wirklich der Auffassung, daß Ihre Verantwortung gegenüber diesen Gästen geringer ist? Wird sich Ihr Speisenangebot ändern, wenn keine Grundschüler im Restaurant essen?" fragt Frau Dr. Christel Happach-Kasan und fragt, "ob Ihre Äußerungen so zu verstehen sind, daß Sie es als nicht so schlimm ansähen, wenn meine Tochter mutterlos würde?"

Wir fragen: Wann hat Dr. Christel Happach-Kasan diesen Brief geschrieben? War es vor dem Rinderrouladen-Essen? Nach dem Essen? Klar ist: Es gab Rouladen. Am 2. Juli 1994 meldeten die Kieler Nachrichten ("Ochse für die Opposition geschlachtet"): "Auf Drängen von Oppositionsabgeordneten mußte Kantinenwirt Helmut Zipner gestern Rouladen servieren..." Das Blatt sprach mit den satten Gästen: ",Ganz herrlich’, befand der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Meinhard Füllner. Sein Kollege Peter Bendixen stufte Rindfleisch aus Schleswig-Holstein gar als ‚das weitbeste‘ ein. Unionsmann Thorsten Geißer biß herzhaft zu, weil das Gericht ‚wahnsinnig gut‘ schmecke."

Festzuhalten ist: Das Rindfleisch kann die Gefühlswallungen im Parlamentskörper nicht verursacht haben. Denn: 1. Im Kieler Landtag wurde Wochen vorher kein Rindfleisch mehr verzehrt. 2. Die Rouladen vom 1.7.1994 sind über jeden Verdacht erhaben. Herr Zipner selbst hat sich in einem Schreiben seinerseits "An die verehrte Kundschaft" gewandt und belegt, der Ochse komme aus einem Biobetrieb: "Er war 24 Monate alt, sein Name war MONTAG."

Wirklich MONTAG, Herr Zipner? Anders gefragt: auch Herr Zipner?

Ein furchtbarer Verdacht drängt sich auf. Kennen wir wirklich alle Übertragungswege von BSE? Zu Lande, zu Wasser? Könnte womöglich ... im Fisch? Zeigen sich in Kiel die ersten Symptome eines Matjeswahns? Susanne Mayer