Kino: Die seltsamen Phantasien des italienischen Regisseurs Nanni Moretti und sein neuer Film "Liebes Tagebuch"

Von Andreas Kilb

Im August schließen in Italien die Schulen, die Theater, die meisten Kinos und viele Großbetriebe. Im August leeren sich die italienischen Städte, die Seebäder füllen sich, und auf den Mittelmeerinseln ist auch für viel Geld kein Zimmer mehr zu haben. Im August kann man auf den Straßen Roms, wo sonst ein ewiges Chaos herrscht, unbeschwert Auto fahren, und in der Altstadt, auf dem Forum und im Vatikan bleiben die Touristen unter sich. Im August, auf den Straßen von Rom, beginnt der Film "Liebes Tagebuch".

Ein großer, schlanker Mann mit braunem Haar und einer Sonnenbrille im Gesicht steigt auf seine Vespa und fährt los; die Kamera folgt ihm. Der Mann auf der Vespa durchquert die nördlichen und östlichen Außenviertel von Rom, in die nie ein Tourist sich verirrt – Viertel wie Garbatella ("hier hat Garibaldi die resistenza gemacht"), Spinaceto ("es gab mal ein Filmdrehbuch: ,Flucht aus Spinaceto’") und Casalpalocco ("Hunde hinter den Türen, Videokassetten, Pantoffeln und Fertigpizzas"); und während der Vespafahrer seine Fahrt kommentiert, betrachtet die Kamera neugierig die Fassaden der Häuser: fünf- und siebenstöckige Wohnblöcke, Einfamilienhäuser, Häuser mit runden oder eckigen Balkonen, Häuser aus den zwanziger, dreißiger, siebziger und neunziger Jahren, Häuser wie Bühnenbilder, Häuser wie Kühlschränke, Häuser wie ein Grab. Ist das der Anfang einer Geschichte?

Zwischendurch, wenn er nicht gerade Drehbuchpläne schmiedet ("ein Film über einen trotzkistischen Konditor im Italien der fünfziger Jahre ... ein Musikfilm, ein Musical") oder Tanzfeste besucht ("seit ,Flashdance‘ habe ich immer davon geträumt, richtig tanzen zu können"), geht unser Mann ins Kino. Zuerst sieht er einen italienischen Film. Traurige Männer in grauen Anzügen stehen vor der Kamera und bemitleiden sich selbst, und einer sagt: "Vor zwanzig Jahren haben wir schreckliche Dinge geschrien, und jetzt sind wir alt und häßlich geworden." Da steht der Mann im Publikum auf und ruft: "Ihr habt schreckliche Dinge geschrien, und jetzt seid ihr häßlich geworden! Ich habe die richtigen Dinge geschrien, und heute bin ich ein prächtiger Mittvierziger!"

Später geht er in einen amerikanischen Film, in John McNaughtons "Henry: Portrait of a Serial Killer". Schüsse, Schreie, Mord und Blut: Nach kurzer Zeit hat unser Mann von "Henry" genug. "Draußen vor dem Kino versuche ich mich zu erinnern, wie der Kerl hieß, der diesen Film empfohlen hat." Er fährt zur Wohnung des Filmkritikers und haut ihm all die Filmkritikerfloskeln um die Ohren, die der Kerl über Filme wie "Henry", "Naked Lunch" oder "Wild at Heart" geschrieben hat: "Prinz der Vernichtung", "düstere Faszination", "Herz der Finsternis" ... Der Kritiker weint, der Leser triumphiert. Das Ende einer Freundschaft? Der Beginn eines Filmseminars?

Soviel ist klar: "Liebes Tagebuch" ist ein Film von Nanni Moretti, produziert, geschrieben und inszeniert von Nanni Moretti, in dem Nanni Moretti die Hauptrolle spielt: sich selbst. Aber wer ist Nanni Moretti?