Endlich! Urlaub! Nur noch Sonne, Sand und Wasser. Wasser muß sein. Unbedingt. Egal ob Baggersee oder Mittelmeer. Wasser gehört zu den Ferien wie Sonnencreme in die Badetasche.

Wer sich jedoch nicht allein mit dem Anblick eines Gewässers zufriedengibt, sondern davon träumt, mit kräftigen Zügen die Wellen zu teilen oder mit kindlicher Freude der Luftmatratze nachzujagen, der setzt leichtfertig seine seelische Erholung aufs Spiel.

Gemeinhin nämlich pflegt die Wassertemperatur die der Luft wesentlich zu unterschreiten, weshalb nur unmenschlich abgehärtete Typen oder Männer mit stark ausgeprägtem Imponierdrang ohne zu zögern prustend in die Wogen tauchen.

Alle anderen schaudern spätestens dann, wenn das Wasser ungefähr das obere Drittel der Oberschenkel erreicht hat. Genauer gesagt: Es muß zunächst unter allen Umständen vermieden werden, daß auch nur ein Tropfen den Bauch benetzt. Könnte es daran liegen, weil dort so viele wichtige Nerven zusammenlaufen? Oder ist der Unterbauch vielleicht doch der Sitz der Seele, die Kälte ja bekanntlich haßt wie die Pest?

Wie auch immer. Auf jeden Fall entsteht ein Handlungszwang, der alle gängigen Berufssituationen in den Schatten stellt. Hier steht man also, nicht Fisch, nicht Fleisch, wenn die Formulierung erlaubt ist, als eine sich von allen Seiten bedroht fühlende Spezies. Von unten dräut das kalte Wasser, von hinten dräuen die lauernden (schon spöttischen?) Blicke des Strandpublikums, von vorn die Wellen eines vor fünf Minuten vorbeigerasten Motorbootes. Als besonders unangenehm jedoch empfindet man in dieser Situation die gutgelaunten Menschen, die den entscheidenden Schritt längst gewagt haben.

Zurückwaten kommt, wegen des Ehrverlusts, natürlich nicht in Frage. Und auch deshalb nicht, weil man ja eigentlich unbedingt im Wasser sein möchte. Also doch nach vorn, freilich unter Einsatz raffinierter Verzögerungstechniken. Was dem Kettenraucher mit seinen Beinbeschwerden das Schaufenster, dessen Auslagen er scheinbar interessiert betrachtet, sind dem Wasserscheuen der weite Horizont, die Wölkchen am Himmel und die malerischen Segelboote. So steht er und starrt verzweifelt in die Ferne. Hauptsache: nicht bewegen!

Das ist, trotz herabsengender Sonne, jedoch nicht ewig möglich. Man beginnt zu frösteln, weil das Stehen im Wasser längst die zuvor am Strand erworbene Maximaltemperatur verbraucht hat. Also werden verschiedene Körperteile vorsichtig mit Wasser benetzt, aufseufzend und immer noch unter Aussparung des empfindsamen Bauches. Es soll ja auch sehr gefährlich sein, unvorbereitet schwimmen zu gehen. Leider läßt einen dieses Ritual nicht nur recht zimperlich erscheinen, es verlängert auch die Qual, ohne wirklich etwas zu bringen. Es hilft alles nichts: Augen zu und rein jetzt, aber wirklich!