Von Ekkehard Briese

So ein Titel macht neugierig: „Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz“. Sind dort Realos mit Fundi-Überzeugungen an der Macht? Taumeln die Sinne wie ein sonnentrunkener Schmetterling durch ein Meer von Orchideen? Oder fließen gar Milch und Honig direkt in eine Riesenschale Knuspermüsli?

Mal sehen, was es auf sich hat mit Nettersheim, unserer derzeitigen „Öko-Hauptstadt“. 138 Kommunen – vom 325 Einwohner zählenden Titschendorf in Thüringen bis zur Millionenmetropole Hamburg – hatten sich 1993 um die Nachfolge der letztjährigen Kapitale Freiburg beworben. Die Jury – Deutsche Umwelthilfe, der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und andere Umweltschutzverbände – entschied sich zum zweiten Mal nach 1991 für die 7000-Einwohner-Gemeinde Nettersheim in der Eifel.

Schon die Anreise bringt einen auf den grünen Geschmack. Wir lassen die zersiedelte Ebene des Niederrheins hinter uns und tauchen ein ins Hügelland der Eifel. Ein Schild weist uns den Weg ins „Naturerlebnisdorf Nettersheim“ und zum „Naturschutzzentrum Eifel“. Rund um das Naturschutzzentrum weht der Geruch von Mist und frisch gemähtem Gras; längs der Straße murmelt das Wasser der Urft. Im Bauerngarten führt eine Gänsemutter ihre Jungen in Marschformation spazieren, und die Gebäude daneben werden gerade in ökologischer Bauweise erweitert – Holz, Schilf, Lehm.

Das Naturschutzzentrum ist das Herz des Ökoengagements in Nettersheim. Seit 1989 machen hier Wissenschaftler, ehrenamtliche Helfer und Vereine Forschungs- und vor allem Öffentlichkeitsarbeit für den Naturschutz. Ihr Credo ist der pädagogische Grundsatz „Begreifen durch Erleben“. Nikolai Fuchs, ein Agraringenieur von westfälischer Kantigkeit, bekommt strahlende Augen, wenn er vom „Modell Naturerlebnisgebiet“ spricht. „Die meisten Stadtkinder, die zu uns kommen, erkennen doch nicht einmal mehr einen Maikäfer. Und die verschiedenen Getreidesorten können sie auch nicht unterscheiden.“ Fuchs und seine Kolleginnen halten es mit Konrad Lorenz: „Nur diejenigen Pflanzen, Tiere und Dinge, die wir persönlich kennengelernt haben, können wir auch lieben und schützen.“ Das klinge zwar banal, sagt Nikolai Fuchs, „aber so sind eben manche Weisheiten“.

In einem Seminarraum des Naturschutzzentrums sitzt gerade eine Schulklasse aus dem Ruhrgebiet. Die Kinder waren im Bauerngarten, um die dortigen Kräuter kennenzulernen – anzuschauen, zu riechen, zu schmecken – und um ein paar Sorten zu ernten. Jetzt arbeiten sie in kleinen Gruppen an den Tischen. Die einen mixen ein heilsames Öl zusammen, andere basteln kleine Duftkissen, ein paar schnippeln Petersilie und Basilikum für einen Kräuterquark. Keine Frage – hier durchläuft das Lernen alle Sinne.

Auch die Ausstellungen und Lehrpfade, die dem Naturschutzzentrum angeschlossen sind, werden auf Erlebniskurs gebracht. Geplant ist beispielsweise ein Naturpfad zum Fühlen, Riechen Schmecken und Hören. Mit verbundenen Augen läuft man über Laub- und Nadelwaldboden, Sand und Kies, Rindenmulch und Gras. Die Düfte verschiedener Kräuter und Sträucher umschmeicheln die Nase; die Ohren orten das Summen der Bienen. Die Hände ertasten einen alten Baumstamm Wurzeln, pflücken Beeren.