Stalin Peng in Deutschland. Da gerieten unsere Breschnjews ganz aus dem Häuschen. Kohl nahm ihn glücklich bei der Hand, Herzog strahlte über alle Backen, Postminister Bötsch ließ sich von ihm zärtlich die Krawatte richten ... Volksfront poussiert.

Und unsere Intellektuellen, Gewissen der Nation? Himmlischer Friede bei den alten Linken (hallo, ist da noch wer?) und den neuen Rechten, bei denen vor allem, die doch sonst keine Gelegenheit versäumen, das Schändliche-Versagender-alten-Bundesrepublik-gegenüber-den-stalini- stischen-Regimen und so weiter. Kein Grass, kein Walser, keine Wolf, kein Kunert unter dem Denkmal für Schiller und Goethe, die, immerhin, ein Transparent in die Kameras hielten: "Schon vergessen? 4.6.89 Massaker in Peking. 7.7.94 Li Peng in Weimar."

Da müssen wir uns wohl an ein paar gewichtige Worte des Münchner Historikers Christian Meier halten, in der stillen Vermutung, daß diese manch heimlichen Beifall gefunden haben. "Es könnte sich", mutmaßte Prof. Meier vor einigen Wochen in einem Zeitungsartikel, "irgendwann die Frage stellen, ob es wirklich tunlich ist, etwa in China die Beachtung der westlichen Menschenrechte einzufordern."

Ob es wirklich tunlich ist – so kostbar muß es schon sein angesichts der Abertausende, die in Pekings Arbeitslagern leiden. So kinkelinnig und amerongendelikat muß sich ein deutscher Professor schon spreizen angesichts eines tibetischen Dissidenten wie Palden Gyatso zum Beispiel, dem Li Pengs Männer den Mund mit einem elektrischen Schlagstock stopften, so daß er alle seine Zähne verlor.

Ob es wirklich tunlich ist – diese echte C4-Frage will einem gar nicht mehr aus dem Kopf. Vor allem, wenn man in dem Jahresbericht liest, den amnesty international Ende vergangener Woche in Bonn vorgestellt hat (Fischer Taschenbuch 12228, 15,80 DM). Sechshundertzweiunddreißig Seiten Folter und Mord. Sechshundertzweiunddreißig Seiten über rechtloses Leben, erschlagene Freiheit.

Nüchtern, Staat für Staat, wird aufgezählt: 151 Kapitel, die ganze lange Greuelliste, oft unter Lebensgefahr recherchiert, von Afghanistan bis Zypern. Ja, bis zum demokratischen Zypern, denn die freie Welt ist auch dabei: Frankreich, England, die Schweiz. Oder die USA, wo weiterhin mit dem Tod gestraft wird, oder Deutschland, wo ein sehr alter Zweig des organisierten Verbrechens neue Blüten treibt: die Polizeiwillkür. Natürlich nichts im Vergleich zu dem Schrecken, der im Irak herrscht, auf Kuba, im Sudan, in Peru... von Tibet, vom indonesischen Osttimor ganz zu schweigen, beziehungsweise laut zu schreien.

Der Mensch ist frei geboren, die Würde des Menschen ist unantastbar, jeder Mensch hat das Recht...