Von Wolfgang Blum

Wie viele Menschen werden in 150 Jahren auf der Erde leben? Die Schätzungen bewegen sich zwischen zehn und fünfzehn Milliarden – immerhin eine Spanne von der Größe der heutigen Bevölkerungszahl. Die Weltbank veröffentlichte gleich drei Prognosen auf einmal; die pessimistische kommt gar auf 28 Milliarden.

Die Schwierigkeiten der Bevölkerungswissenschaftler fangen bereits bei den Ausgangsdaten an. Vor zwei Jahren verkündete Nigeria zum Beispiel das Ergebnis einer Volkszählung: Statt der bis dahin angenommenen 120 Millionen ergab sie lediglich 89 Millionen Einwohner. Ob wenigstens diese Ziffer stimmt? Fachleute haben da ihre Zweifel, denn es gibt starke Motive, derlei Zahlen zu manipulieren. Das Volk ist in verschiedene Religionen und Stämme gegliedert, und je größer eine Gruppe veranschlagt wird, desto mehr Einfluß kann sie beanspruchen.

"In den meisten Entwicklungsländern mangelt es an verläßlichen Statistiken über Geburten und Todesfälle", stellte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen kürzlich in einer Informationsschrift fest. "Weil die Geburten von Mädchen nicht immer angezeigt werden, sind Frauen oft nicht einmal registriert." Dennoch sehen Experten die Zahlen über die heutige Weltbevölkerung als einigermaßen verläßlich an, weil die Fehler einander weitgehend aufhöben.

Was Vorhersagen so unsicher macht, ist indes die ungeheure Dynamik der Zunahme: Wachstumsraten von wenigen Prozent akkumulieren schnell gigantische Summen. Einem Rechenmodell der UN-Wissenschaftler lag beispielsweise die Annahme zugrunde, die durchschnittliche Geburtenrate sei 1975 bei 3,9 Kindern pro Frau stehengeblieben. Im Jahr 2025 würden dann 22 Milliarden Menschen auf der Erde leben, 100 Jahre später bereits 150 Milliarden – fast dreißigmal so viele wie heute.

Die wichtigste Variable bei allen Prognosen ist die Geburtenrate. Veränderungen der Säuglingssterblichkeit und der Lebenserwartung wirken sich dagegen vergleichsweise gering auf Bevölkerungszahlen aus. Kriege, ökologische Katastrophen oder Ausbrüche von Seuchen, wie sie im Mittelalter wüteten, haben die Demographen bislang nicht ins Kalkül gezogen. Nach dem Ausbruch der Aids-Epidemie korrigierte die Weltbank aber eine Schätzung der afrikanischen Bevölkerung für die nächsten 55 Jahre um zehn Prozent nach unten.

Derzeit liegt die Geburtenrate in den Entwicklungsländern bei 3,64 Kindern, in den Industriestaaten bei 1,91. Mit einer Rate von 2,13 bleibt eine Population konstant, denn nicht alle Kinder erreichen das reproduktionsfähige Alter. Der wachsenden Bevölkerung in der Dritten Welt steht demnach eine schrumpfende in den entwickelten Ländern gegenüber – zumindest wenn Einwanderungen außer Betracht bleiben. Die weltweit durchschnittliche Geburtenrate beträgt 3,26 Kinder; Tendenz sinkend.