Triumph kam nicht auf, aber Genugtung war zu verspüren. F. Wilhelm Christians, der Aufsichtsratsvorsitzende der Mannesmann AG, und Werner H. Dieter, der scheidende Vorstandsvorsitzende, überstanden eine Hauptversammlung, die sie sich wohl schlimmer vorgestellt hatten. Immerhin steht Dieter unter dem Verdacht, bei Lieferungen der ihm und seiner Familie gehörenden Firmengruppe Hydac an Mannesmann-Töchter ungebührlich verdient zu haben.

Das behauptet nicht nur der Spiegel, das argwöhnt vielmehr auch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, die gegen Dieter ermittelt. Und das ist, darauf hat Christians völlig zu Recht hingewiesen, noch „keine Einleitung eines Strafverfahrens“. Der Aufsichtsrat sieht deshalb keinen Anlaß, Dieter, den er in seiner Mehrheit für unentbehrlich hält, aus dem Verkehr zu ziehen. Als erste Berichte über mögliche Verstrickungen des Konzernchefs in eine unrühmliche Kungelei erschienen, sprach ein Aufsichtsratsmitglied noch von einer „Katastrophe“. „Der Funk“, so sagte er, „ist doch ein schwacher Mann, und Dieter sollte als Aufsichtsratsvorsitzender den Umbau des Konzerns vollenden.“

Nun ist Joachim Funk Vorstandsvorsitzender, und Christians – ehedem Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und inzwischen 72 Jahre alt – präsidiert noch immer den Aufsichtsrat. Dieter ist nur zum einfachen Mitglied gewählt worden. Er ist von der Hauptversammlung auch nicht uneingeschränkt für seine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender entlastet worden. Die umstrittenen Hydac-Geschäfte wurden bewußt ausgeklammert.

Erst dann, wenn ein vom Aufsichtsrat bei der Treuarbeit bestelltes Gutachten die Unbedenklichkeit dieser Geschäfte attestiert, soll Dieter entlastet werden und an die Spitze des Aufsichtsrats rücken. Obwohl Christians den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft deutlich weniger Bedeutung beimißt als denen der Treuarbeit, Dieters Sprung an die Spitze dürfte erst dann möglich sein, wenn kein Strafverfahren eingeleitet wird.

Warum sich der Aufsichtsrat so an einen Mann klammert, der für den Konzern derzeit eher eine Belastung ist, machte Christians in der Hauptversammlung deutlich: Dieter sei ein „genialer und besessener Techniker“, der 1985 an die Konzernspitze geholt worden sei, um Mannesmann ein neues Gesicht zu geben. Und ohne jede falsche Bescheidenheit listete Dieter selbst dann vor den rund dreitausend Aktionären auf, was unter seiner Führung von 1985 bis 1993 vollbracht worden ist:

  • Der Umsatz stieg von 18 auf 28 Milliarden Mark.
  • Der Röhrenbereich trägt nur noch mit 13 statt 33 Prozent zum Umsatz bei.
  • Zwanzig Prozent vom Umsatz entfallen auf den neuen Bereich Fahrzeugtechnik.
  • Statt 34 beträgt der Anteil des Maschinen- und Anlagenbaus am Umsatz 42 Prozent.
  • Mit der Lizenz für das D2-Mobilfunknetz hat Mannesmann gute Chancen in einem Zukunftsmarkt.

Dieter ist bekannt für seinen gewaltigen Arbeitseinsatz, aber er war kein beliebter Chef. Zu vermuten, daß die Munition, mit der der Spiegel schießt – Dieter spricht von einer „Dreckschleuder“ –, auch aus dem Hause Mannesmann kommt, ist da nicht abwegig. Für Christians hat die Zusammenarbeit zwischen Hydac und Mannesmann indes nichts Anrüchiges. Im Gegenteil – dieses Modell, befand der Exbanker, werde heute vielfach kopiert. Daß es einen Unterschied macht, ob ein Unternehmen Arbeitsteilung mit einer fremden Firma betreibt oder mit einer Gesellschaft, die dem Vorstandsvorsitzenden gehört, das wollen oder können weder Dieter noch Christians einsehen. Heinz-Günter Kemmer