Will die ZEIT uns für dumm verkaufen, indem sie uns eine Woche nach Biermann erklärt, wir hätten da auf zwei Seiten nur kriegslüsternen Schwachsinn vorgesetzt bekommen? Und diskutiert niemand offen vor der Veröffentlichung, ob die Redakteure (inklusive Finis) etwas für blödes Zeug halten? Und ist niemand in der Redaktion so wenig kriegsverdummt, daß er auf Biermann, wenn er ihn schon für falsch hält, mit Argumenten eingeht? Und schützt in der ZEIT niemand die Autoren davor, daß sie in der einen Woche gedruckt und in der darauffolgenden von Finis in den Hintern getreten werden?

"Spiegel"-Redakteur Hellmuth Karasek in einem Leserbrief an die ZEIT (Nr. 10/1991) über den ZEIT-Autor Wolf Biermann und dessen Streitschriften zum Golfkrieg

Man müßte jetzt, Wochen nach den Enthüllungen, kaum noch darüber sprechen, gäbe es nicht Biermann, dessen Wechselbad aus falscher Liebe, dröhnender Eitelkeit und eilfertigem Opportunismus (Wohin läuft der Hase diese Woche?) sich Reich-Ranicki hilflos ausgesetzt sah – er konnte sich nicht wehren, hatte er Biermann doch mit Förderungen und Preisen jahrelang zu dem gemacht, wozu der Liedermacher offenbar nicht so recht taugt. Das mindeste, was sich Reich-Ranicki von Biermann verdient hätte, wäre dessen Schweigen. Statt dessen überkübelt der Poet sein Liebesopfer mit verhängnisvollen Elogen... Und als seine klebrige Eloge auf ihn selbst zurückschlägt (die tat meinte damals, man müsse Reich vor seinen Freunden schützen), tritt er zu und wirft den eben noch Angelobhudelten als Ballast ab... Enthüllungen enthüllen auch ihre Enthüller. Im Falle Biermanns braucht man auf schlimmere Dokumente nicht mehr zu warten.

"Spiegel"-Redakteur Hellmuth Karasek im "Spiegel" dieser Woche über den "Spiegel"-Autor Wolf Biermann und dessen Streitschriften pro und contra Marcel Reich-Ranicki

Den Büchern geht es wie der Milch: Sie werden sauer. Besser: Sie wurden sauer, so um das Jahr 1840 herum. Da begann die industrielle Papierproduktion, und seither enthält Papier Schwefelsäure und andere säurebildende Substanzen. Für die Massenproduktion waren die Zusätze damals notwendig, an die Folgen dachte niemand. Aber sie sind fatal: Industriepapier hat einen seltsam morbiden Drang zur Selbstzerstörung; die Säuren machen den Zellulosefasern nach und nach den Garaus, das Papier wird gelb, dann brüchig, bis es zuletzt ganz zerfällt. Nach knapp hundert Jahren ist ein Buch kein Buch mehr, sondern Staub. Riesige Bibliotheksbestände sind vom Büchertod bedroht; bereits heute ist ein Viertel der Bücher in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken – also rund sechzig Millionen Bände – bereits so stark beschädigt, daß sie nicht mehr ausgeliehen und gelesen werden dürfen. Und im Jahr 2000 wird mehr als die Hälfte der zwischen 1900 und 1949 gedruckten Bücher nicht mehr existieren. Langsam, aber unaufhaltsam wird ein Großteil unserer kulturellen Überlieferung in Magazinen und Archiven sich in Nichts auflösen. Doch den selbstzerstörerischen Büchern kann geholfen werden. Seit wenigen Wochen läuft in der Deutschen Bibliothek Leipzig eine sieben Millionen Mark teure Anlage zur "Massenentsäuerung von Büchern und Archivalien". Täglich durchlaufen tausend Bücher ein dreistufiges Verfahren: Zunächst werden sie in einer Vakuum-Kammer, einer Art Bücher-Mikrowelle, bei sechzig Grad vorgetrocknet, bis das Papier nur noch ein Prozent Feuchtigkeit enthält. Danach geht’s automatisch in eine zweite, die "Tränkungskammer", wo die Patienten in das neuartige Lösemittel Hexamethyldisiloxan getaucht werden, das die Säuren neutralisiert, ohne die Tinten, Farben und Klebstoffe in und an den Büchern anzugreifen. Nach einem erneuten Besuch im Bücherofen sind die Seiten säurefrei und für die nähere Ewigkeit präpariert, Jahr für Jahr zunächst 200 000, nach einer Erweiterung 400 000 Bände. Damit wir auch im nächsten Jahrtausend in einem Buch von 1860 lesen können, was die Milch sauer macht.