Si tacuisses...: Der Gebildete wird den Halbsatz freudig mit philosophus mansisses vollenden. Auf gut deutsch für uns Realgymnasiasten: „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben.“ Der liebenswürdige, aus Wien vor Hitler geflüchtete und heute emeritierte Stanford-Biochemiker Carl Djerassi hätte an den Ratschlag des Anicius Manlius Severinus Boethius (476 bis 524) denken sollen, bevor er im angesehenen Magazin Nature (vom 1. Juli) seinen überraschenden Einfall zur Geburtenkontrolle beim Mann zum besten gab: Djerassi schlägt allen Ernstes jungen gesunden Männern vor, sich zur Geburtenkontrolle den Samenstrang durchtrennen zu lassen (Vasektomie) und zuvor sozusagen für alle Fälle – eine gehörige Samenportion im Tiefkühlfach zu deponieren.

Was die Vasektomie anbelangt, werden damit nur einige Probleme der Geburtenplanung durch den Mann gelöst. Denn mit der Durchtrennung der Samenleitung vermindert sich nicht nur die Menge des Ejakulates. Auch spätere Schwellungen der Vorsteherdrüse (Prostatahyperplasie) werden mit einer Samenstrangdurchtrennung in Verbindung gebracht.

Der kleine operative Eingriff, zu dem heute schon viele Chinesen und Inder von ihren Regierungen gedrängt werden, ist endgültig. Für eine spätere Korrektur besteht keine Hoffnung. Und deshalb schlägt Djerassi als Ausweg die Deponierung der Samenzellen vor.

Aber diese Art der Geburtenkontrolle wird dort nicht funktionieren, wo sie in erster Linie gebraucht wird: in der Dritten Welt. Wo sollen in Wüsten oder Tropen die Tanks mit flüssigem Stickstoff aufgestellt werden? Wer soll für zuverlässige Deponierung verantwortlich sein? Die medizinischen und hygienischen Bedingungen in der Dritten Welt gestatten heute nicht einmal eine halbwegs ausreichende Basisversorgung der Bevölkerung, geschweige denn die notwendigen Einrichtungen für die diffizilen Methoden der Reproduktionstechnik.

Gegenargument: Das könnte ein vernünftiger Vorschlag zur männlichen Geburtenplanung sein. Warum sollen nicht auch die Männer neben der Lust die Last der Geburtenplanung durchleben? Eine Pille für den Mann gibt es immer noch nicht, die Pille für die Frau schon seit fast fünfzig Jahren. Carl Djerassi, der wegen seiner Synthese des weiblichen Hormons Gestagen vielfach ausgezeichnete „Vater der Pille“, hat sie erfunden.

Daß ausgerechnet der erfahrene Wissenschaftler, der mit Recht die sogenannte postkoitale Schwangerschaftsverhütung (nach dem Verkehr) mit einer hochdosierten Östrogenpille danach oder Spirale lobt, jetzt die Verhütung vor dem Verkehr fordert, muß etwas mit dem in Kalifornien wehenden Zeitgeist zu tun haben: Originalität und Kreativität um jeden Preis. Da kann schnell die wahrlich verdiente Berühmtheit des alten Herrn, nicht nur als Chemiker, sondern auch als Autor von Science-in-fiction-Romanen, in vermeidbare Torheit umschlagen.

Denn Carl Djerassi, der aus Altersgründen das Labor verlassen und sich in seiner Stiftung schönen Künsten und schönen Frauen zugewandt hat, kam ein geradezu absurder Gedanke. Wer angesichts der Bevölkerungsexplosion zu Sterilisierung von Männern oder Frauen rät, darf die Endgültigkeit dieses Eingriffes nicht verschweigen und die Betroffenen nicht mit unbestimmten Aussichten auf Ei- oder Samenzellen aus der Tiefkühltruhe locken. Wir im reichen Norden haben gut reden, auch unsere jungen Männer wollen sich ja nicht sterilisieren lassen. Und da predigt einer den Armen des Südens den einschneidenden Verzicht.

Hans Harald Bräutigam