Von Petra Kipphoff

Goethe und ... die Numismatik, die Frauen, die Antike, die Mineralogie, Italien, die Farbenlehre, der Zwischenkieferknochen, Hafis, die Meteorologie, Schiller, der Bergbau. Nichts vergessen? Natürlich, vieles. Ein Mann und der Kosmos eines Werks. Das langweilt naturgemäß die, deren Neugierde bis zum eigenen Tellerrand reicht und deren Exzentrik mit dem Zeitgeist, dem sie zu widersprechen meinen, identisch ist. Staatlich gefördert wird solches Biedermeier durch ein Schulsystem, in dem man allenfalls mit dem "Faust" gelangweilt wird, im übrigen aber auch Deutsch als Fach vor dem Abitur "abwählen" und sogar ein Germanistik-Studium absolvieren kann unter Auslassung der deutschen Klassiker. Das ist der Gegenpol zu unseren französischen Freunden, die nicht nur ihre Klassiker auf jedem Schulplan haben, sondern den Gebrauch fremdsprachiger Termini im offiziell französischen Zusammenhang ab sofort mit Strafe belegt haben, ok? Mon dieu! Europa? Europa!

Goethe und die Kunst: ein naheliegendes und, vor allem im Zusammenhang des Tagebuchs der "Italienischen Reise", nicht unbekanntes Thema. Aber es gibt ja nicht nur diese Reise zu den Göttern Griechenlands in Italien. Es gibt auch Goethes eigene Ambitionen als Künstler, es gibt den leidenschaftlichen Sammler, den Kunstpolitik treibenden Geheimrat in Weimar, den Kunst-Schriftsteller. Viele Themen zum einen Thema. Und daß man es erst jetzt in einer großen Ausstellung zur Anschauung bringt, liegt wohl nicht zuletzt daran, daß erst seit 1991 die zwei Städte wieder zusammenarbeiten können, die für Goethe zuständig sind: Frankfurt und Weimar.

Die philologisch präzise und ästhetisch intelligente Ausstellung, die jetzt in Frankfurt und anschließend in Weimar zu sehen ist, profitiert wie selbstverständlich von den vereinten Kenntnissen und zusammengebrachten Materialien. Mit 380 Gemälden, Skulpturen und graphischen Arbeiten (darunter rund 50 Zeichnungen von Goethe selber) eröffnet sie in elf Kapiteln den Blick auf ein Panorama der eher stillen Sensationen, sieht man einmal von den wenigen kapitalen Kunstwerken ab, die auch in Frankfurt dabei sind. Zu ihnen gehört vor allem Raffaels "Heilige Cäcilie", ein Bild, das Goethe 1786 in Bologna sah und das den immer Beredten anfangs stumm machte ("... ich möchte zunächst nichts darüber sagen, als daß es von ihm ist") und das er dann mit knapper Euphorie so beschrieb: "Fünf Heilige neben einander, die uns alle nichts angehen, deren Existenz aber so vollkommen dasteht, daß man dem Bilde eine Dauer für die Ewigkeit wünscht, wenn man gleich zufrieden ist, selbst aufgelöst zu sein."

Aus Bologna ist dieses Bild jetzt in die Vaterstadt Goethes gekommen, zu dessen Lebzeiten die Liebe zur Kunst noch nicht mit öffentlichen Museen, Großausstellungen, Jetset-Reisen, Postkarten und Bildbänden bedient wurde, sondern auf Korrespondenz, Erzählungen und ein paar Reproduktionsstiche angewiesen war. Die große Italien-Reise, die ein paar Glückliche, Vermögende oder anhaltend Sehnsüchtige dann unternahmen, war ein langwieriges, anstrengendes und gelegentlich lebensgefährliches Unternehmen.

Man hat es, glücklicherweise, unterlassen, das große, zum dekorativen Klischee erstarrte Goethe-Bild aus dem nahen Städel-Museum in einer Kopie oder gar einer Warhol-Variante, die es auch gibt, in die Schirn zu holen. Auf Tischbeins, des Maler-Freundes Meisterwerk "Goethe in der Campagna" lehnt der junge Herr mit dem modischen Schlapphut und dem hellen Reiseumhang elegant auf ein paar antiken Trümmern, den Blick natürlich auf das für uns nicht sichtbare Rom gerichtet. Hier haben wir ihn, den sogenannten und angehenden Olympier, mit dessen Person und Persönlichkeit – das zeigt die Ausstellung in der Sektion "Goethe im Portrait" an endlos würdevollen bis komischen Konterfeis in Gips, Kreide und Öl – die Künstler allesamt nicht fertig wurden. Aber hier haben wir auch den anderen Tischbein, den anderen Goethe: am Fenster der römischen Wohnung Via del Corso, ein kleines Blatt, Aquarell, Kreide und Feder, das schönste Goethe-Bild und das für die Ausstellung entscheidende Dokument. Durch ein zur Hälfte geöffnetes Fenster lehnt der junge Mann hinaus, den beginnenden Tag überprüfend. Das Hemd hängt über dem Hosenbund, ein Hausschuh wird wohl gleich, wenn der Neugierige den Kopf noch weiter ins Freie und in die Sonne streckt, vom Fuß fallen. Der Blick durchs geöffnete Fenster, dieses Sehnsuchtsmotiv der Romantik, in unzähligen Versen, Bildern, Novellen und Liedern immer wieder neu beschworen, hat hier einen Vorläufer eigener Art.

Denn die Sehnsucht war es, die Goethe nach Italien getrieben hatte, über Nacht und ohne Abschied hatte er sich im September 1787 aus dem Kreis der in Karlsbad versammelten Freunde einfach davongemacht, um sich diesen alten Traum endlich zu erfüllen. Aber dort angekommen, verlor er sich nicht wie ein Eichendorffscher Held zwischen Prinzessinnen und Wanderliedern, sondern wollte sehen, lernen, lieben, arbeiten. Auf Tischbeins Aquarell sehen wir den jungen Mann von rückwärts und erfahren gerade dadurch etwas über seinen nach vorwärts gewandten, neugierigen Blick. "Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte", schreibt Goethe in "Dichtung und Wahrheit" über seine Kinder- und Jugendjahre. Sein Vater, Johann Caspar Goethe, war der Meinung, daß jedermann zeichnen lernen müsse und daß, wer Kunst sammle, auch die Zeitgenossen unter den Künstlern beschäftigen solle. Was er auch tat. Wenn die Ergebnisse dann eher unbedeutend waren, so liegt es vor allem auch daran, daß die Kunst der Zeit sich in Frankfurt, und nicht nur dort, in einem unentschlossenen Ruhestand befand.