Von Michael Thumann

Wie sich die Bilder doch gleichen: Es ist Sommer in Europa, Diplomaten reisen geschäftig von Hauptstadt zu Hauptstadt, die Zeitungen schreiben über Krieg und Verwüstung, und alle starren auf ein kleines renitentes Land auf dem Balkan: Serbien.

Doch die Parallelen zwischen Juli 1914 und Juli 1994 bestehen nur auf den ersten flüchtigen Blick. Damals sehnten viele den Krieg als ein „reinigendes Gewitter“ herbei; heute empfinden Europäer den bosnischen Konflikt als Schwelbrand in ihrem Hinterhof. Damals polterte Wilhelm II. „Jetzt oder nie!“, und Deutschland benutzte die serbische Krise, um Rußland zum Krieg zu provozieren; heute denkt niemand daran, den Balkan so skrupellos für eigene Zwecke auszunutzen. Damals war Serbien für fünf Großmächte der Anlaß, gegeneinander in den Krieg zu ziehen; heute hat Serbien fünf Großmächte zur Kooperation gezwungen. Sarajevo 1994 ist nicht Sarajevo 1914.

Aus westlicher Perspektive ist der Plan der Bosnien-Kontaktgruppe eine diplomatische Meisterleistung: Die USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland haben Rußland von vornherein in alle Planungen mit einbezogen. So gelang es, die promuslimischen Ideen der Amerikaner und die ursprünglich proserbische Haltung der Russen zur Deckung zu bringen. Die von einigen Alarmisten befürchtete „orthodoxe Achse“ Belgrad-Moskau kam nicht zustande, von panslawischen Komplotten gegen den Westen keine Spur.

Aus bosnischer Sicht ist der Plan der Kontaktgruppe nicht besser oder schlechter als seine Vorgänger. Er zieht künstliche Grenzen durch ein Land mit gemischten Volksgruppen, er schlägt ehemals mehrheitlich muslimisch besiedelte Städte den Serben zu, er belohnt die ethnische Säuberung, monieren die Kritiker. Alles richtig. Aber sind dies nach mehr als zwei Jahren Krieg noch realistische Fragen? Niemand im Westen zeigte sich je zur großen Intervention bereit; das hat den Serben Spielraum gegeben. Weil aber weder die Uno noch die EU, ja nicht einmal die Amerikaner bereit waren, ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit militärisch durchzusetzen, müssen sie nun mit Kompromissen aufwarten.

Und die sehen so aus: Bosnien-Herzegowina wird zwischen der muslimisch-kroatischen Föderation und der serbischen Republik im Verhältnis 51 zu 49 Prozent aufgeteilt. Weil die Serben knapp 70 Prozent des Landes kontrollieren, müssen sie erobertes Terrain zurückgeben: westlich der Stadt Banja Luka und im Osten zugunsten der muslimischen Enklaven Srebrenica und Goražde; in Mittelbosnien sollen sie auf Jajce, Doboj und weitere Städte verzichten; ihre Lebensader nach Belgrad, der Korridor bei Brčko, muß auf wenige Kilometer Breite schrumpfen. Sarajevo wird nach dem Plan zunächst für zwei Jahre unter UN-Verwaltung gestellt. Exterritoriale Straßen sollen den Zugang zu abgetrennten Städten sichern. Dieses komplizierte Spinnennetz aus Enklaven, Gebietsfetzen und Versorgungslinien kann nur zu leicht eingerissen werden. Auch wenn die Vermittler ihren Plan als letztes Wort präsentieren: Er ist nicht mehr als ein vorläufiges Muster, um das in Zukunft gestritten und gepokert, aber möglichst nicht geschossen werden soll.

Der bosnische Präsident Alija Izetbegovic hat das begriffen, als er sagte: „Wir denken nicht, daß der Plan gut ist. Im Gegenteil, der Plan ist schlecht. Aber alle anderen Optionen sind schlechter.“ Die muslimischen und kroatischen Parlamentarier nahmen den Vorschlag an. Das muß jedoch, so Izetbegovic Kalkül, kein Hindernis für seine Strategen sein. Schließlich waren die Regierungstruppen in den letzten Wochen auf dem Vormarsch gegen die Serben. Die Muslime wollen sich militärisch holen, was der Friedensplan nur diplomatisch verspricht. Dem steht außer den Serben nichts im Wege. Seit wann hätte in Bosnien ein Waffenstillstand oder ein Friedensplan Kämpfe verhindert? Es geht um anderes. Wer dem Kompromiß zustimmt, erhält sich die Gunst der Großmächte, vor allem der USA. Diese Übung fällt Kroaten und Muslimen vor allem deshalb so leicht, weil ihre Feinde immer wieder das schwarze Schaf spielen.