Aus. Das Spiel ist aus. Die 15. Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei und fast schon vergessen. Da stürmt (wer hätte das gedacht!) die Mannschaft des bekannten Hamburger Wochenblättchens aufs Feld, um das Weltereignis mit einer weiträumig-umsichtigen Analyse fußballhistorisch einzuordnen. Etwa so: Diese Fußball-Weltmeisterschaft war erstens wunderbar, zweitens furchtbar, drittens wedernoch-sowohl-als-auch. Das muß genügen, Schluß. Doch noch, oh, Gott, sind es siebzig Zeilen bis zum Abpfiff. Jetzt nur kein falsches Wort am falschen Ort! Ball halten, Maul halten! Irgendwann geht alles zu Ende.

"Gott ist rund", schrieb die FAZ vor dem Endspiel. Wir ergänzen: Gott ist gut und vor allem gerecht. Die mit Abstand beste Mannschaft des Turniers (Brasilien) wurde Weltmeister. Der mit Abstand beste Mensch des Turniers (unser Bundestrainer, Sportkamerad Hans-Hubert Vogts) darf im Amte verbleiben, seinen notorischen Mißerfolgen zum Trotz. Nun singet und seid froh! Doch statt dem Fußballgott dankbar zu sein, sind wir seit Sonntag abend nichts als deprimiert.

Das Endspiel. Einen "Kampf der Fußballgötter" hatte uns Bild versprochen. Gott Romärio (Kosename "Zaubermaus") gegen Gott Baggio (Kosename "geniales Schwänzchen", na ja). Unsere Frankfurter Allgemeinen Fußballfreunde sahen gar im Endspiel Gott Dionysos gegen Gott Apollon antreten.

Alles Käse, wie unser Freund Fritz Nietzsche gern sagte. Das Götterendspiel wurde zum Nullspiel. Kein Tor nach 90, nach 120 Minuten. Die Fußballgötter waren feige. Und das Herz des Fußballfreundes wurde kalt und hart wie ein Stein.

Ach, die glücklichen Kindertage! Als Brasilien fünf Tore schoß im Endspiel (1958 gegen Schweden) oder wenigstens vier (1970 gegen Italien). Heute genügt kein Tor, um Weltmeister zu werden. Gewiß, noch immer spielen sie unvergleichlich schön und elegant, die Brasilianer. Aber sie haben der Schönheit jeglichen Übermut ausgetrieben. Sie haben ihr Spiel in einen seltsamen Dämmerzustand versetzt, in dessen Zwielicht man kaum noch unterscheiden kann, ob ihre Arbeit noch Fußballkunst ist oder doch schon Fußballvernichtung. Aber sie sind wieder Weltmeister. Nach 1970 waren sie zwar fast immer die Besten, aber niemals mehr Weltmeister. Diesen Fehler wollten sie nicht noch einmal machen. Womit wir schon wieder bei Berti wären.

"Wir haben", sagte der geisterbleiche Bundestrainer nach dem Desaster gegen Bulgarien, "zwei Fehler gemacht und sind dafür bestraft worden." Hier haben wir den ganzen Vogts! Zaghaft träumt und schwärmt er vom schönen, offensiven Fußball – doch in seiner Seele wird er zeitlebens Verteidiger bleiben. Ein brävlicher leitender Angestellter mit der ganz begreiflichen Angst vor Fehlern und Schlägen. Der ewige, verschüchterte Sohn. Beichtvater Egidius Braun, Übervater Beckenbauer und Urvater Herberger: Vor ihnen muß Berti bestehen – und fürchtet sich sehr. Und seine Furcht wird die Furcht seiner Mannschaft sein, gleichviel, ob sie stürmt oder mauert.

Aber vielleicht wird man in Zukunft genau auf diese Weise Weltmeister. Die Italiener, die weitbesten Fußballverhinderungskünstler, hätten es um ein Haar (um ein Schwänzchen bzw. Zöpfchen) schon diesmal geschafft. Das wäre das Grauen gewesen.