Von Klaus-Peter Schmid

Brüssel

Es kann kein reines Vergnügen sein, die Nachfolge eines Jacques Delors anzutreten. Der Präsident der Europäischen Kommission hat in seiner zehnjährigen Amtszeit Maßstäbe gesetzt, die jeden seriösen Kandidaten verunsichern müssen. Nun soll Luxemburgs Regierungschef Jacques Santer der Mann sein, der den Anforderungen gewachsen ist. Vor einer Woche noch stand er nicht einmal auf der Liste der Kandidaten, jetzt wird er von den Regierungen in allen europäischen Hauptstädten demonstrativ gelobt. Da ist Argwohn am Platze.

Anfang 1995 soll also der 57 Jahre alte Christdemokrat, traditionsbewußt und katholisch geprägt, das schwere Amt übernehmen. Seit zehn Jahren steht er an der Spitze der luxemburgischen Regierung, gerade in der vergangenen Woche wurde er zum dritten Mal als Premierminister bestätigt. Das Großherzogtum hat friedliche Jahre hinter sich: keine Streiks, keine nennenswerte Arbeitslosigkeit, Rechte und (zumindest dem Namen nach) Linke haben sich im Kabinett der Großen Koalition immer gut vertragen. Über europäische Überzeugungen braucht man in Luxemburg gar nicht zu diskutieren. Sie gehören zur Grundausstattung jedes Politikers. Daß aber ausgerechnet Santer der erste Europäer werden soll, können viele seiner Landsleute kaum fassen.

Zu Hause nennen sie den jovialen Anwalt und Berufspolitiker "Schampus-Jacques". Er feiert gern, gibt sich volksnah, wie es sich in einem kleinen Land gehört, wo man den Regierungschef auf der Straße anspricht oder auf einem Fest bei Freunden trifft. Manche haben ihn aber auch als überraschend autoritär kennengelernt. Er ist ein alter Spezi von Helmut Kohl. Der berichtet über seinen Parteifreund nur das Beste und behauptet: "Jacques Santer hat alles Zeug, ein starker Präsident zu werden."

Einen solchen hätte Brüssel für die kommenden Jahre bitter nötig, denn die EU muß die Weichen für das nächste Jahrhundert stellen. Der Maastricht-Vertrag muß revidiert werden, 1996 soll eine Regierungskonferenz der Union neue, arbeitsfähige Institutionen bescheren. Die Erweiterung nach Norden ist zu verdauen, die nach Osten vorzubereiten. Eine einheitliche europäische Währung soll geschaffen, der Rahmen der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik mit Inhalt gefüllt werden. Und das alles unter dem Vorzeichen britischer Obstruktion, deren Ziel Renationalisierung an allen Fronten heißt.

Präsident Santer müßte also nicht nur ausgleichen, sondern auch kraftvoll gestalten. Und das ist mit Sicherheit nicht seine Stärke. Daß er ein kleines Land mit nicht einmal 400 000 Einwohnern vertritt, also keine Hausmacht hinter sich hat, muß kein Mangel sein. Es verleiht auch Unabhängigkeit.