RTL, Sonntag, 17. Juli: "Tod am Nachmittag. Stierkampf in Spanien"

Das spanische Fernsehen hat den Stierkampf entdeckt, und das Land sitzt geschlossen vor der Glotze, wenn der Matador die Capa schwenkt. Vor allem seit, wie auch sonst im Sport, dramatische Bewegungsabläufe vergrößert und unter Zeitlupe eingeblendet werden können, fühlen sich Fernseh-Gucker dem Publikum in der Arena mit Recht überlegen. Neuerdings also stirbt der Stier für das Fernsehen. Warum soll Resteuropa nicht auch was davon haben?

So kalkulierte wohl RTL, als es einen Zweiteiler über dieses letzte auf die Neuzeit überkommene Schlachtopfer-Ritual zusammenstellte. Ganz unverhohlen setzte man auf den Show-Wert von Blut. Springende, trippelnde, auf Hörnern und unter Hufen sich windende Toreros, todwunde Tiere, wirbelnde Capas, galoppierende Picadores, zustoßende Banderilleros und schließlich der schwarze Koloß röchelnd im Staub: Das wurde satt aufgefahren, notdürftig durch ein paar Sentenzen ("Eine fremde und grausame Welt") und recht eigentlich durch Stierblut verbunden, welches ohne Unterlaß floß.

Von Zeit zu Zeit fanden die Arrangeure, daß eine Anmerkung zur Herkunft dieses Kampfes aus alten Kulten oder zu der Frage: Was fasziniert Intellektuelle an der Corrida? angebracht sei, und wir sahen Ernest Hemingway in Schwarzweiß. Doch solche Abschweifungen dauerten nie länger als ein paar Sekunden, dann ging’s gleich wieder rauf auf die Blutspur. "Kultur oder Dekadenz?" fragte scheinheilig der Sprecher. In der Arena mag es sein, was es will. Im deutschen Fernsehen ist es, so geboten, Mist.

So wie in den sechziger Jahren Sex-Filme einen "Aufklärungswert" oder ein medizinisches oder moralisches Mäntelchen brauchten, um sich für eine öffentliche Vorführung zu legitimieren, muß heutzutage ein Film, der Grausamkeiten zeigt, einen Kulturauftrag vorspiegeln. Mit dieser Aufgabe war in "Tod am Nachmittag" Hans Meiser betraut worden, ein als Talkmaster seiner natürlichen Biederkeit wegen äußerst beliebter TV-Star, den man beim besten Willen nicht mit Stierkampf in Verbindung bringt. Aber nun mußte er in die Arena, weil seine seriöse Ausstrahlung das viele Blut sozusagen wegtrocknen und dem Zuschauer das Gefühl geben sollte, einer Veranstaltung über Spanien und alte Kulte beizuwohnen, in der eher zufällig mal ein Stier umkommt.

Neben Meiser saß Christina Sanchez, die erste und einzige weibliche Stierkämpferin, und sagte mit umflorter Stimme: "Der Stier ist das einzige Tier, mit dem Kunst geschaffen werden kann." Oder: "Der Matador verehrt den Stier, obwohl er ihn töten muß." Meiser: "Wie ist das eigentlich? Ist man da aufgeregt?"

Nein, das ging nicht auf: Meiser, der dem Blutbad kulturkritisch begegnen sollte, war ein "Mäntelchen", daß nicht paßte und bald wegrutschte. Dahinter kam eine Spekulation auf Quoten zutage, wie sie im glücklichen Spanien üblich sind. 160 Corridas werden heuer dort live übertragen. Ach, wer da mitsenden könnte! Barbara Sichtermann