Eine Treibjagd durchs nächtliche São Paulo: „Hände halten Maschinenpistolen fest umklammert. Zwei Körper ragen immer weiter aus dem Streifenwagen heraus. Scheinwerfer, Fernlicht, Handleuchten, sie strahlen den orientierungslosen VW an, der vorausfährt. Der Sprecher der Streife 66 tut per Funk seine Begeisterung kund: ‚Sie sind verloren! Wir sind ihnen dicht auf den Fersen!‘“

Schon sind die drei Jungen-Köpfe im VW im Schußfeld der Militärpolizisten. Gleich nimmt die Jagd ein Ende. Zehn Streifenwagen der Rota, der Rondas Ostensivas Tobias de Aguiar, der Eliteeinheit der MP, haben ihre Opfer eingekreist. Ein Feuerschwall wird sie treffen, wird ihr „Nicht schießen!“ übertönen. Dann beginnt die Spurenbeseitigung.

Nur, diesmal bekommt die Rota Probleme. Ein Vater, Bankdirektor und Schulfreund des Gouverneurs von São Paulo, verlangt Aufklärung. Und noch einer recherchiert nach. Ein junger Journalist. In diesem Jahr, 1975, arbeitet er noch bei einem Käseblatt im Moloch São Paulo. Fast zwanzig Jahre später wird er einer der bekanntesten Journalisten Brasiliens. Der Grund: Sein Buch „Rota 66“ schlüsselt Treibjagden und Massaker brasilianischer Militärpolizisten genauestens auf. Es wird zum besten Sachbuch Brasiliens 1993.

Aber „Sachbuch“ ist verniedlichend. Denn Claudio Barcellos schreibt nicht vom grünen Tisch. Er sucht Tatorte auf, spürt Zeugen nach, wälzt Jahrgänge von Zeitungen und geht in gerichtsmedizinische Keller. Mit kriminalistischer Akribie verfolgt er die Blutspur einer in der Diktatur getauften Militärtruppe, die – symptomatisch in Lateinamerika – von der Gewalt nicht lassen will. Mit bestem investigativem Journalismus trifft er das Innerste eines der härtesten, außer Kontrolle geratenen staatlichen Repressionsorgane Lateinamerikas: die Rota in der Polícia Militär Brasiliens.

Daß er 1975 beginnt, ist kein Zufall. Eine Krise erfaßt die Militärpolizei Anfang der siebziger Jahre. Die Guerilla ist tot, die Opposition erstickt. Neue Aufgaben müssen her. Die Jagd auf Kriminelle und Arme beginnt. In dieser kalten Zeit, vor der Redemokratisierung Brasiliens, geht Barcellos den Spuren der Rota nach, verliert dadurch gar seinen Job. „Widerstand bei Versuch der Festnahme, gefolgt von Tod“, solche Schlagzeilen fesseln ihn. Auf einer Polizeistation trifft er einen jungen Farbigen, der seine Eltern sucht. Barcellos bezahlt ihn, er hört sich um. Die Recherche füllt bald Regale. Ein Student wird engagiert, baut Computerprogramme auf. Mit Hilfe vieler Daten werden Massaker an Armen enthüllt. Wo Kommissionen ihre Suche beenden, findet Barcellos noch Zeugen, die nachts hinter Vorhängen die Wahrheit beobachtet haben, nur der Polizei nichts sagen wollen. Verständlich, denn auch hohe Politiker erreichen gegen die Rota kaum etwas.

„Es sind Männer, die das Gesetz respektieren“, nimmt der Autor die Mehrheit der Militärpolizisten in Schutz. „Sie schießen nur im äußersten Notfall. Was die meisten von ihnen vorziehen, ist die Inhaftierung der Verdächtigen, ihre Verurteilung im Rahmen der Rechtsprechung.“

Doch dafür agiert die Rota mit Killerinstinkt. Ihr Radius der Gewalt hat nicht abgenommen. Die Morde an Straßenkindern zeigen es, die Bedrohungen von Untersuchungskommissionen ebenso. Trotz Morddrohungen hat Barcellos mit seiner Arbeit einige Mörder hinter Gitter gebracht. Er steht für ein anderes Brasilien, das im Wachsen begriffen ist.

Uwe Pollmann