Von Frank Drieschner

Der Weg in eine bessere Zukunft hat vier Spuren. "Wirtschaftlicher Aufschwung, sichere Arbeitsplätze, das Zusammenwachsen Deutschlands" und "mehr Lebensqualität für die Menschen" – diese Ziele seien mit der geplanten Ostseeautobahn schnell und bequem zu erreichen, versprechen die Verkehrsminister in Bonn, Kiel und Schwerin. Als "Baltische Magistrale" soll die A 20 der deutschen Industrie den Ostseeraum erschließen, als "Öko-Autobahn" dem Umweltschutz freie Bahn schaffen. Vor allem: Mit dem Autobahnanschluß soll Mecklenburg-Vorpommern auch wirtschaftlich endlich den Anschluß an den Westen finden.

Fast dreihundert Kilometer weit, von Lübeck über Wismar nach Rostock und Greifswald und dann, südlich abbiegend, durch Vorpommern bis an die A 11, die Berlin mit Stettin verbindet, soll sich die größte Baustelle der deutschen Nachkriegsgeschichte erstrecken.

Noch ist die Ostseeautobahn ein Projekt: ein Streifen auf den Karten der Verkehrs- und Landschaftsplaner, der bei größerem Maßstab in ein mäanderndes Rinnsal aus Trassenvarianten zerfließt.

Doch das Projekt drängt in die Wirklichkeit: Bei Wismar überspannt die erste Brücke eine Wiese; auf die Baustelle wurde sogar schon ein Anschlag verübt. Und in den bunten Broschüren des Bundesverkehrsministers, in den Alpträumen der Ökologen hat die A 20 längst ihren Platz. Und natürlich in den Prognosen der Verkehrs- und Wirtschaftswissenschaftler, dieser höchst gegenwärtigen Wunderwelt aus Kurven, Tabellen und Balkendiagrammen, in denen die Vergangenheit sich in die Zukunft verlängert.

Dort ist die A 20 schon zu besichtigen – und entlang der Ostseeküste noch die Landschaft, durch die sie gebaut wird, wenn es nach dem Willen der Verkehrsminister und der überwältigenden Mehrheit der Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns geht.

Wenn die Biologin Adelheid Winking morgens im Wohnzimmer ihres Hauses in Groß Grönau südlich von Lübeck den Vorhang öffnet, blickt sie auf die Weide, auf der ihre Hühner picken. Dahinter fließt träge die Grönau, ein schilfbewachsener Graben; hügelan zieht sich Grasland bis zu einem Wald, in dem ein Gutshof sich verbirgt. Dort kauft Frau Winking ihre Biolebensmittel. Aus dem Fenster kann sie Rote Milane beobachten, auch schon mal Füchse und Habichte, die, wie die Biologin nicht ohne Stolz erzählt, manchmal eines der Hühner schlagen; bisweilen sieht man sogar ein Hermelin. Die A20 sieht man noch nicht.